Auf böse Weise raffiniert

Staatsschauspiel Hannover zeigt neues Stück von Sasha Marianna Salzmann

Die Grenzen sind immer in Sichtweite: Carolin Haupt und Sebastian Weiss in „Aristokraten“. - Foto: Isabel Machado Rios
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Die Grenzen sind immer in Sichtweite: Carolin Haupt und Sebastian Weiss in „Aristokraten“. 

Hannover - Von Jörg Worat. Auf der Cumberlandschen Bühne steht ein gigantischer Totenkopf. Und damit ist das Hauptproblem der Uraufführung von Sasha Marianna Salzmanns Stück „Die Aristokraten“ vielleicht schon skizziert – hier ist so viel so dick aufgetragen.

Nun ist es indes auch ein harter Stoff. Die mehrfach preisgekrönte Autorin, Jahrgang 1985, lässt ein Paar in den Wirren einer vom Krieg verwüsteten Stadt aufeinanderprallen: Einst haben Sascha und Schura unter einem Dach gehaust, nun begegnen sie sich wieder. Wollen in irgendeiner Weise zusammenkommen und können es doch nicht mehr.

Salzmann hat ihren Text der Extremautorin Sarah Kane (1971 bis 1999) gewidmet, thematische Entsprechungen sind denn auch erkennbar. Die Sprache ist, vorsichtig gesagt, wenig zimperlich, wirkt indes zuweilen aufgesetzt, als solle hier alles unbedingt ganz besonders tough sein, und stellenweise raschelt darin das Papier („Nicht mal Gott kommt jetzt vorbei, in so eine Gegend will nicht einmal er“). Doch gibt es auch starke Dialoge, und seltsamerweise entfaltet gerade die überzogenste Stelle eine gewisse Wirkung: Der Stücktitel erklärt sich nämlich in einer gleichnamigen Tradition aus der US-amerikanischen Comedy-Szene – dabei geht es darum, innerhalb einer dürren Rahmenhandlung den ultimativen Antiwitz zu erzählen, sprich sämtliche denkbaren Perversionen zusammenzuimprovisieren und darüber hinaus möglichst ein paar neue zu erfinden.

Dies geschah üblicherweise nicht vor Publikum und wird hier nun genüsslich ausgereizt. In einer Zeit, da wir die Postmoderne, der zufolge alles schon gedacht und gesagt worden ist, ja eigentlich bereits wieder hinter uns haben, ist das auf böse Art raffiniert – tatsächlich können sich einige Besucher bei dieser einigermaßen grotesken Anhäufung von Obszönitäten das Lachen nicht verkneifen.

Regisseurin Paulina Neukampf sorgt für manche Zuspitzungen, indem sie etwa Mikrofoneinsätze und körperliche Attacken ebenso einbindet wie Schrei- oder Lachorgien. Doch hat sie die Grenzen immer in Sichtweite, so vermeidet sie Nacktszenen, die sich hier und da anbahnen und die man sicher hätte durchziehen können, wenn man’s denn unbedingt gewollt hätte. Zugleich wirkt die Inszenierung nicht wirklich rund, eher wie ein Bündel an Experimenten, was zwar den ständig neuen Ansätzen der beiden Protagonisten entspricht, aber doch nervt, so dass die nur einstündige Vorstellung gefühlt länger wirkt. Das Durchhalten lohnt sich allerdings insofern, als die Schlusspointe wunderbar dezent gerät – und gerade dadurch umso effektiver.

Mit vollem Einsatz, und anders geht es hier über weite Strecken auch nicht, agieren Sebastian Weiss in der Rolle des Schura und vor allem Carolin Haupt als Sascha. An ihnen liegt’s also nicht, wenn man nachher das Theater verlässt und vielleicht doch mehr über die Kunst nachdenkt als über das Leben.

Die nächsten Vorstellungen auf der Cumberlandschen Bühne des Staatsschauspiels Hannover: Donnerstag, 10.11., 20 Uhr; Samstag, 19.11., 20 Uhr.

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