Das Böse haust zwischen Holzkisten

Staatsschauspiel Hannover blickt auf Anschläge von Oslo und Utøya

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Ungemütliches mit Holzkisten: „Einer von uns“ stellt das gängige Bild von Norwegen immer wieder infrage.

Hannover - Von Jörg Worat. In den Vorankündigungen wird das Publikum gewarnt, auf die Kleidung zu achten, beim Einlass bekommt es frisch gebackene Waffeln angeboten, und später nehmen die Besucher auf den Trümmern des zusammengebrochenen Bühnenbildes Platz. Das klingt nicht nach einem normalen Theaterabend? Es ist ja auch kein normaler Stoff: Das Staatsschauspiel behandelt in „Einer von uns“, einer Koproduktion mit Det Norske Teatret aus Norwegen, die Ereignisse des 22. Juli 2011, als Anders Breivik in Oslo und auf der Insel Utøya 77 überwiegend sehr junge Menschen tötete. Eine entschieden spezielle Uraufführung auf der Grundlage von Recherchen der Journalistin Åsne Seierstad.

Aber der Reihe nach: Es lohnt sich, etwas früher in die Cumberland-Spielstätte zu kommen, denn über die verschiedenen Etagen ist eine Ausstellung über die wechselvolle Geschichte von Utøya verteilt. Irgendwann ist oben Einlass, man kann besagtes Backwerk mitnehmen und sieht sich dann einer gigantischen Konstruktion aus Holzkisten gegenüber. Lars Ø. Ramberg und Ditteke Waidelich haben sie gebaut und beschriftet: „Psycho“ steht da etwa, „Great Again“, „Blaue Augen“ oder „Dødsstraff“. Das Publikum knabbert an den Waffeln; einige beginnen unruhig zu werden, weil nichts weiter passiert. Bis die Digitaluhr an der Wand 15:25:22 anzeigt – in dieser Sekunde detonierte damals die Bombe in Oslo, und genau jetzt wird der Kistenblock krachend zum Einsturz gebracht.

Johanna Bantzer, Gjertrud Jynge, Eivin Salthe und Jonas Steglich hantieren auch in der Folge ausgiebig mit den Klötzen, verteilen sie zunächst so, dass jeder einen als Sitz bekommt. Dann beginnen die Texte: Erzählungen, wie man vom Attentat erfahren hat, Reden von Jens Stoltenberg – der gegen Ende auch auf das Massaker von Christchurch Bezug nimmt –, Kommentare unterschiedlicher Art. So beleuchtet Hans Magnus Enzensberger, Onkel von Schauspielerin Jynge, die norwegische Mentalität: „Gab es vielleicht doch etwas Unheimliches in der kollektiven Psyche?“ Überhaupt wird das Bild vom gemütlichen, gemütvollen Norwegen immer wieder infrage gestellt.

Spielszenen im eigentlichen Sinn gibt es in der Inszenierung kaum.

Und fast beiläufig findet Erwähnung, wie zumindest ein Teil der Katastrophe hätte verhindert werden können: Wäre nur die Beobachtung eines Augenzeugen rechtzeitig weitergeleitet worden, während der Attentäter auf dem Weg zur Fähre im Stau feststeckte.

Spielszenen im eigentlichen Sinn hat Regisseur Erik Ulfsby kaum vorgesehen – mal weisen einige Turnübungen auf Breiviks körperliches Training hin, mal wird sein Hang zu Computerspielen visualisiert. Dafür gibt es viele Worte: gesprochene, projizierte, auf die Shirts der Spieler gedruckte. „Einsam“ oder „Rein“ ist dort zu lesen, an der Wand erscheinen Fragen: Sind wir alle verantwortlich? Verändert sich Erinnerung mit der Zeit? Soll man den Namen des Attentäters überhaupt aussprechen?

Dazu kommt das gegen Ende wieder sehr lautstarke Herumklabastern mit den Kisten, und das Ergebnis ist letztlich eine totale Überforderung der Sinne. Womöglich sogar eine beabsichtigte, aber das Nachdenken über die Frage ob der Mörder tatsächlich „einer von uns“ ist, wird so nicht erleichtert. Der mosaikhafte Abend ist fraglos interessant und vielschichtig – nur theatral ist er kaum.

Am Schluss werden im Publikum Arbeitshandschuhe verteilt, alle gemeinsam setzen den Kistenblock wieder zusammen, und dann beklatscht man sich gegenseitig. Wenn es doch nur tatsächlich so schön wäre. Und so einfach.

Zum Angucken

6., 7. und 9. April, jeweils um 20 Uhr, Cumberlandsche Bühne, Hannover.

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