Bremer Musiker machen mit Wandelkonzerten auf ihre Lage aufmerksam

„Blicken mit Sorge auf den Herbst“

Reinhart Hammerschmidt
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Reinhart Hammerschmidt
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Bremen – Am Wochenende erklingen spannende Töne in Bremen und in Oldenburg – an der frischen Luft und mit allem, was dazugehört, damit alle gesund bleiben. Das ist in unseren nach wie vor weitgehend konzertlosen Tagen eine gute Nachricht. Sie hat aber einen ernsten Hintergrund, der im Namen der Veranstaltung „Soli für Solo-Selbstständige“ anklingt. Die Idee für die Konzerte rund um das Haus im Park in Bremen am Samstag und im Oldenburger Schlossgarten am Sonntag hatte der Bremer Musiker Reinhart Hammerschmidt, der das Projekt mit klangpol, einem in Oldenburg und Bremen aktiven Netzwerk für Neue Musik, aus der Taufe hob. Wie es dazu kam und was das klangpol-Netzwerk damit erreichen will, erklärt Hammerschmidt unserer Zeitung.

Sie wollen am Wochenende auf die Lage der Solo-Selbstständigen hinweisen. Gibt es eine konkrete Forderung?

Unsere Aktion steht unter dem Motto: Kultur ist zwar nicht alles, aber ohne Kultur ist alles nichts. Das bedeutet auch: Wir sind viele und wir sind systemrelevant! Für klangpol ist so eine eher politische Veranstaltung eine Premiere und wir wollen jetzt erst einmal hauptsächlich informieren, zum Beispiel über die leider zumeist nicht besonders gute Situation der Solo-Selbstständigen. Dazu haben wir einen Info-Flyer zum Mitnehmen vorbereitet, wir freuen uns aber auch auf lebhafte Gespräche mit dem Publikum.

Worum geht es Ihnen genau?

Wir sehen, dass ein Großteil unserer Mitglieder in den letzten Monaten keine Konzerte gespielt haben und die Lage teils sehr dramatisch ist. Wir meinen, dass der Umgang mit den Künstlern im Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Gruppierungen hinterherhinkt. Eine Zeit lang habe ich sehr neugierig die Debatte über Gottesdienste verfolgt. Und von den Grundbedingungen her haben wir da einen geschlossenen Raum, ein Publikum und einen oder mehrere Performer. Müssten dann nicht auch Konzerte möglich sein, die den gleichen Bedingungen entsprechen, als mit begrenzter Teilnehmerzahl, Mindestabstand und so weiter? Überrascht hat es mich nicht wirklich, verärgert aber umso mehr, dass Gottesdienste erlaubt wurden und Konzerte Monate später immer noch nicht richtig. Man sollte natürlich sehr sorgsam mit der Situation umgehen, aber wenn man auf bestimmte Regeln achtet, denke ich, sollte das für alle gelten.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, lauter Solisten in einem Park auftreten zu lassen?

Ich bin selbst Solo-Selbstständiger und mir sind wegen der Coronakrise auf einmal sämtliche Jobs weggebrochen. Bei dem schönem Wetter bin ich viel spazieren gegangen oder mit dem Rad unterwegs gewesen. Nach ein paar Wochen ist mir aufgefallen, dass im Park immer wieder Musiker gespielt haben und kein Ordnungsamt eingeschritten ist, weil sich keine Menschentrauben gebildet haben. Die Leute waren sehr besonnen und haben Abstand gehalten, zu der Zeit zumindest. Ich hätte eigentlich erwartet, dass es mehr unvernünftige Menschen gibt. Das hat mich auf die Idee gebracht, dass man ein paar Solisten im Park verteilen könnte, die dort kleine Solo-Konzerte geben. Bei klangpol, wo ich auch aktiv bin, stieß die Idee auf Anklang, so entstand das Projekt. Und der Titel lag natürlich sehr nah, weil auch Solidarität mit drinsteckt.

Was gibt es am Wochenende zu hören?

Erst mal geht es darum, dass wir Menschen zu einem Spaziergang im Park einladen. Da können sie dann zwei Stunden bei freiem Eintritt flanieren und neue Sachen entdecken können. Sowohl in Bremen als auch in Oldenburg verteilt sich das über ein Areal, wo an fünf Stationen Musiker spielen. Man stellt sich sein Programm selbst zusammen und geht mit seinem eigenen Mix nach Hause. Musik draußen ist ja auch etwas Besonderes, weil zumindest die improvisierenden Musiker, und es sind einige dabei, reagieren ja auch auf den Ort, auf den Gesang der Vögel zum Beispiel, aber auch auf die Klänge der anderen Musiker.

Wie schätzen Sie die Perspektive für die Musikszene in den kommenden Monaten ein?

Die Pandemie wird uns weiter verfolgen. Deswegen nutzen wir die Chance, im Sommer möglichst viel zu machen. Wir blicken aber mit großer Sorge auf den Herbst und den Winter. Die Pandemie wird nicht vorbeisein. Da sind wir in geschlossenen Räumen und müssen uns fragen, was wir da machen. Damit sind wir wieder beim Thema, weil dann vielleicht auch die letzten finanziellen Polster weg sind. Wie kommen die Musiker dann durch den Winter?

Hören

Soli für Solo-Selbständige: Samstag, 15 bis 17 Uhr, Park Bremen Ost, Startpunkt: Haus im Park, Züricher Str. 40;

Sonntag, 14.30 bis 16.30 Uhr, Schlossgarten Oldenburg, Startpunkt: Pförtnerloge am Schlosswall (gegenüber dem Tretbootverleih),

Schlosswall 16; www.klangpol.de

Von Rolf Stein

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