Oldenburger Edith-Ruß-Haus zeigt Fotografie im Zeitalter der Neuen Medien

Blicke in die Black Box

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In der Welt hinter dem Bild: „Odaliscas“ von Patricia Reis und Vasco Bila. ·

Von Rainer BeßlingOLDENBURG · Mit der Integration immer leistungsfähigerer Kameras in Mobiltelefone sind Fotografieren und Filmen zum selbstverständlichen Bestandteil des Alltags geworden. Daraus resultiert nicht nur eine Überfülle an Bildmaterial. Die technische Innovation nimmt dem Fotografen auch immer mehr Entscheidungen bei der Aufnahme ab.

Hersteller werben mit der „Lösung des Motivs vom Hintergrund“ oder einer automatisierten Anpassung der Apparatur an alle Objekte und Lichtverhältnisse. Vor diesem Hintergrund präsentiert die neue Ausstellung des Oldenburger Edith-Ruß-Hauses nicht einfach Fotografie, sondern macht Zusammenhänge zwischen dem fotografischen und anderen neueren Medien zum Thema. „Etwas anderes als Fotografie: Foto & Media“ lautet der Titel der Schau mit 13 Arbeiten von den 1970er-Jahren bis heute. Diese blicken in das Innenleben fotografischer Apparaturen, verfolgen das Bildgebungsverfahren, nutzen Aufnahme- und Weiterverarbeitungsgeräte anders, fragen nach Autorenschaft, lassen Rezipienten mitwirken und loten künstlerische Freiräume im hochtechnisierten Kosmos aus.

Eine programmatische Arbeit steuert Patricia Reis bei. Die Künstlerin lässt zwei Metall-Arme in eine Black Box eindringen und mit ihren „Fingern“ Kameras auslösen. Die blitzartigen Aufnahmen erscheinen auf Monitoren. Sie machen einen Spannungszustand deutlich: Dem Wunsch nach Erkundung der verschlossenen Apparatur steht das Bedürfnis nach Bewahrung von fotografischem Geheimnis und Bildmagie entgegen. Zugleich klingt hier das prekäre Verhältnis von Privatheit und öffentlicher Präsenz an.

In einer zweiten Arbeit, zusammen mit Vasco Bila realisiert, öffnet Patricia Reis das Tor in eine weitere dem Medium eigene verschlossene Welt. Führt der Besucher einen mobilen Bildschirm über eine Fotografie mit zwei nahezu identischen Frauen in Rückenansicht, erlaubt der Monitor den Blick in den Raum „hinter der Fotografie“. Gesicht, Mimik und Gesten der Fotografierten sind zu sehen, auch Momente der Interaktion zwischen ihnen. Das durch die Abwendung symbolisierte „verborgene“ Posieren wird somit offengelegt.

Auf einem ähnlichen Themenfeld bewegen sich Maisie Broadhead und Jack Cole mit ihrer „Ode to Hill and Adamson“. Die Künstlerin und der Filmemacher zeigen im Zeitraffer die aufwendigen Vorbereitungen einer Foto-Session. Das „Portrait of Lady Eastlake“ (1843-48) von David Octavious Hill und Robert Adamson ist im Endresultat nur kurze Zeit zu sehen. Das dreiminütige Video macht die Konstruktionsarbeit sichtbar, die das vermeintlich natürliche Bildnis, das mutmaßlich getreue Abbild der Wirklichkeit erschafft.

Gleichfalls auf historisches Fotomaterial greift Andreas Müller-Pohle zurück. Für seine „Digitalen Partituren“ hat Müller-Pohle Nicéphore Niépces „Blick aus dem Arbeitszimmer“, das vermutlich älteste Lichtbild, gescannt und in digitale Codes übersetzt. Das visuelle Ergebnis, rauschende Felder unzähliger mikroskopischer Zeichen, macht die Verwandlung der Fotografie sinnfällig: „Wir bewegen uns nur in Oberflächen, deren einzige Substanz der beliebig umwandelbare digitale Code ist. Die Fotografie ist solch eine Oberfläche geworden“, formuliert Florian Rötzer. In einer Installation veranschaulicht Müller-Pohle eine weitere Transformation: Schnipsel geschredderter Fotografien tanzen auf einer Lautsprechermembran. Das „Entropia“ betitelte Werk entwirft nicht nur ein Szenario vom Untergang der Bilder, sondern auch von deren möglicher Metamorphose: Aus den Kernen des fotografischen Materials könnten sich neue Erzählungen entwickeln und formen lassen. Zeit wird eingefroren, Raum in Bewegung versetzt, wenn Sergio Prego durch die kreisförmige Anordnung von Kameras dem flüchtigen Ereignis einer Explosion eine skulpturale Gestalt verleiht.

Den theoretischen Hintergrund zur Ausstellung, in der Arbeiten von Carlos Fadon Vicente und Franz John mit Prozessierungsfehlern bei Druckern oder Himmelsbildern per Farbscanner das Spektrum fotografischer Verfahren erweitern, liefert Vilém Flusser. Vier Videos bieten einen Einstieg in das Denken des lange in Brasilien beheimateten Philosophen, vor allem in seine Theorien zur Philosophie und Technologie der Fotografie.

Mit ins Thema passt die Installation „Blacklist“ von Christoph Wachter und Mathias Jud, Stipendiaten des Ruß-Hauses 2012. Das Duo spürt gesperrte Fotos im Internet auf und verwandelt das zensierte Material per Zeichenmaschine in skizzenhafte Blätter. Die Papiere sollen nicht nur Verborgenes sichtbar machen, sondern auch eine Debatte über mögliche Gründe für das Bildverbot auslösen. NS-Embleme, die Homepage islamistischer Terroristen oder Bilder von Selbstverstümmelung legen nahe, dass Schranken durchaus Sinn haben können.

Edith-Ruß-Haus, Oldenburg. 26. Juni bis 15. September. Di-Fr 14-18 Uhr, Sa+So 11-18 Uhr. Eintritt: 2,50 Euro.

Eröffnung: Heute 19 Uhr.

Katalog in Vorbereitung.

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