„Dokumentarischer Stil“ in einer Fotoschau des Sprengel Museums Hannover

Blicke bauen Bilder

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Robert Adams: Pikes Peak ·m Hannover

Hannover - Von Rainer BeßlingEs war eines der Vorzeigeprojekte zur EXPO 2000. Unter dem Titel „How You Look At It“ gab das Sprengel Museum Hannover zur Jahrtausendwende einen umfassenden Einblick in die jüngere Geschichte und den aktuellen Stand der künstlerischen Fotografie.

Bis zum 15. Januar 2012 ist nun die Nachfolgeausstellung zu sehen. „Photography Calling!“ heißt die Schau mit Werken von 31 Fotografinnen und Fotografen, die sich einer bestimmten Haltung verpflichtet fühlen: dem so genannten „dokumentarischen Stil“. Der US-amerikanische Fotograf Walker Evans prägte den Begriff und beschrieb eine Position, die sich gegen malerische Effekte mit fotografischen Mitteln absetzte.

Von den 1960er Jahren bis heute entstanden, dokumentieren die hochkarätigen Arbeiten in Hannover eine reiche Tradition mit anhaltender Ausstrahlung auf junge Fotografen. Jochen Lempert mag nicht im strengen Sinn dem dokumentarischen Stil zuzurechnen sein. Mit seiner Wissenschaftsfotografie dockt er jedoch an den Kern der Debatte an: Er verweist auf den frühen Glauben der Zunft an Objektivität, auf einstige Versprechen „urteilsfreier Wiedergabe“ und „Selbstabbildung“ der Dinge durch das neue Medium.

Die Illusion des Fotos als ein Dokument aus „vorurteilsfreier Objektivität“ zu hinterfragen, treibt bis heute Fotokünstler an. Schon Evans betonte, dass der dokumentarische Stil als eine bewusste kompositorische Strategie zu verstehen ist.

Schaut man sich die Landschafts- oder Städtebilder von Robert Adams, Michael Schmidt oder Lewis Baltz an, die Porträts von Diane Arbus, Lee Friedlander, Rineke Dijkstra und Boris Mikhailov oder die szenischen Arrangements von Stephen Gill, werden die Erläuterungen von Kurator Thomas Weski zum Dokumentarstil nachvollziehbar. Die Wiedererkennbarkeit des Motivs dank einer harten und reinen Anwendung des Mediums sichert den Einstieg des Betrachters. Keine malerische Zurichtung verstellt den Blick und überlagert den Bildgegenstand, vielmehr ist dieser zur tieferen Wahrnehmung und Analyse freigegeben.

Nicht Verdoppelung sondern kleine Verschiebungen, das Freiräumen von Kulissen oder die Überblendungen von Kontexten lassen vor der Folie des Bekannten „das Spezifische, das Unsagbare, das Besondere“ erkennbar werden. So ließen sich etwa die Landschaftsfotografien von Jitka Hanzlová als präzise, äußerst präsente Wiedergaben einer Topographie sehen, doch Form, Farbe und Licht verleihen den Motiven eine schwebende Zeit- und Ortlosigkeit. Festgehaltener Moment und Naturausschnitt erscheinen eingebettet in ein Landschaftsbild, das sich aus romantischen Zuschreibungen, tief eingelagerten frühen Erlebnissen und Harmonie-Utopien speist.

Der US-amerikanische Fotograf John Gossage protokolliert nur auf den ersten Blick in detailliert abgestuften Schritten eine Wanderung in freier Natur – und präsentiert sich damit in der Tradition etwa eines Robert Adams oder der Landschaftsfotografie des 19. Jahrhunderts. Dabei setzt sich die Serie aus Aufnahmen unterschiedlicher Orte zusammen. Fiktion und Denkmodell binden die Plätze aneinander, das Zusammenspiel von fotografischer Konstruktion und Projektion des Betrachters wird sinnfällig. Wie stark sich die Wahrnehmung von Fotografien auf einer medial vorgeformten Spur bewegt, zeigt Thomas Demand mit seinen Fotos von Modellen ikonischer Tatorte und Szenen.

Während Robert Adams in der Korrespondenz von Lichtmagie und strenger Geometrisierung Landnahme und topografische Uniformierung thematisiert, rückt Elisabeth Neudörfl die landwirtschaftlich verursachte Überformung von Natur ins Bild.

Umfang und Qualität der Ausstellung fußen auf dem Sammlungskonzept der Niedersächsischen Sparkassenstiftung. Im Vorfeld des EXPO-Beitrags hatte sie damit begonnen, gezielt Werke und Werkgruppen aus dem Bereich der Fotografie im dokumentarischen Stil zu sammeln. Dies setzt sie mit fachlichem Beistand fort und verhilft damit Hannover zum Rang eines Fotografie-Standortes.

Photography Calling!

Sprengel Museum Hannover,

bis 15.1.2012. Katalog

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