In einer großen Überblicksschau widmet sich die Kunsthalle Emden dem Abenteuer des Realismus

Der Blick der Kunst auf die Wirklichkeit

Heiner Altmeppen, Norddeutsche Landschaft, 1980/81, Acryl auf Leinwand

Von Veit-Mario ThiedeEMDEN (Eig. Ber.) · Dem als „Realismus“ etikettierten künstlerischen Blick auf die Wirklichkeit ist erstmals eine große Schau gewidmet. In der Kunsthalle Emden warten 100 Künstler mit 170 Werken vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart auf.

Kunsthallendirektor Nils Ohlsen erklärt: „Die Ausstellung zeigt Objektivität als Paradox; die realistische Kunst bewegt sich zwischen der Hoffnung, Wirklichkeit zu verstehen, und dem Zweifel, sie einfangen zu können.“

Die Wahrnehmungs- und Hirnforschung hat erwiesen, dass für den Menschen die Wirklichkeit nicht objektiv erkennbar ist. Die sich ihr widmenden Künstler vermitteln uns also nichts anderes als ihre Sicht der Welt. Gustave Courbet hat das in seinem 1855 verfassten Manifest des Realismus so ausgedrückt: „Das Gesicht meiner Epoche nach meinem Dafürhalten zu übertragen, nicht nur ein Maler, sondern auch ein Mensch zu sein (...) das ist mein Ziel.“

Gustave Courbet ist mit dem Gemälde „Wellen mit drei Segelbooten“ (um 1870) vertreten. Die dunklen Wogen rollen direkt auf uns zu. Unter schwer lastenden, düster dräuenden Wolken sind in der Ferne drei verschwindend kleine Segelboote auszumachen. „Im Szenario der Urgewalten relativiert sich die Bedeutung des Menschen“, wie Laura Ingianni im Katalog kommentiert.

Ins farbenfroh Fantastische entrückt hingegen Heiner Altmeppen die Welt. Seine „Norddeutsche Landschaft“ (1980/81) zeigt Wattebauschwölkchen am strahlend blauen Himmel. Eine weite, flache Graslandschaft mit vielen gelben Blüten erstreckt sich bis zum Horizont, an dem Wohn- und Industriebauten aufsteigen. In dieser eindrucksvoll detailverliebten malerischen Fleißarbeit ist der Mensch nur indirekt gegenwärtig: Als Schöpfer dieser Kulturlandschaft.

Die Schau wartet mit weiteren packenden Landschaftsbildern auf bis hin zu Andreas Gurskys am Computer bearbeitetem Großfoto „Dubai World III“ (2008). Es zeigt aus großer Höhe den Blick hinab auf eine aufgeschüttete künstliche Inselwelt, die wie ein abstraktes Bild aus weißen Flecken auf blauem Grund aussieht. Und auch die nahe gerückte Dingwelt führt zu eindrucksvollen Seherlebnissen. So demonstriert uns Sam Taylor-Woods Film „Still Life“ (2001) Vergänglichkeit im Zeitraffer: Was eben noch leckeres Obst war, ist nach 3 Minuten und 44 Sekunden ein von Insekten besuchter, zusammengefallener Haufen Schimmel.

Die Hauptrolle aber spielt der facettenreiche Blick auf den Menschen. Repräsentativ und würdevoll fällt er in Anton von Werners Gedächtnisbild „Kaiser Friedrich als Kronprinz auf dem Hofball 1878“ (1895) aus. Der „99-Tage-Kaiser“ war zur Entstehungszeit des Gemäldes schon seit sieben Jahren tot. In seiner weißen Kürassieruniform bildet er den Mittelpunkt einer Festgesellschaft des Geistes und des Fortschritts, zu der der Pathologe Rudolf Virchow und der Physiker Hermann Helmholtz sowie die Maler Ludwig Knaus und Adolph von Menzel gehören. Ein Sinnbild der Einsamkeit ist hingegen Edward Hoppers Gemälde „Hotel Lobby“ (1943). Es zeigt drei Menschen, die sich gemeinsam in einem Raum befinden – und dochallein sind.

Andere Menschenbilder wirken richtig erschütternd. Zur Anteilnahme fordert einen das von Fernand Pélez gemalte Armutsbild „Alter Mann, sich auf Stöcken abstützend“ (1892-1908) auf. Erschreckender noch ist die Folterszene aus Abu Ghuraib. Ein in den Massenmedien verbreitetes Foto von Folter und Menschenrechtsverletzung, das einen vermummten, an Elektroden angeschlossenen Häftling zeigt, hat Marc Quinn zu einer lebensgroßen Figur aus patinierter Bronze angeregt.

Aber auch die vergnügliche Augentäuschung ist ein Paradefeld des Realismus. Attraktivstes Beispiel ist John de Andreas Bronzeskulptur „Amber liegend“ (2006). Dank Bemalung wirkt die nackte junge Dame so verblüffend lebensecht, dass man eine Gänsehaut bekommt.

Bis 24.5.2010 in der Kunsthalle Emden, Di.-Fr. 10-17 Uhr, Sa., So. und an Feiertagen 11-18 Uhr; Tel. 04921-975050, Internet: http://www.kunsthalle-emden.de; Katalog (Hirmer Verlag) in der Ausstellung 25 Euro.

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