„Constructive News“: Eine Idee für besseren Journalismus

Bitte nicht so negativ!

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Immer nur schlechte Nachrichten? Das muss nicht sein, meint der Journalist Ulrik Haagerup.

Kopenhagen - Von Marvin Köhnken. Zahllose Langzeitarbeitslose in den Jobcentern. Multiresistente Keime in Krankenhäusern. Und im Bundestag streiten sich die Abgeordneten seit Monaten über die Flüchtlingspolitik. Jeden Morgen landen derartige Meldungen auf den ersten Seiten dieser und anderer Zeitungen. Der Journalist Ulrik Haagerup ist davon überzeugt, dass eine derartige Flut an schlechten Nachrichten unweigerlich zu einer negativen Sicht auf das Weltgeschehen und zu Resignation bei den Lesern führt.

Im Buch „Constructive News“ skizziert der Däne einen Ausweg für Autoren, Politiker und Leser: Mithilfe von positiven Ansätzen können lösungsorientierte Antworten auf alltägliche Probleme gefunden werden, anstatt das Alltagsgeschehen – wie viel zu oft gewohnt – als scheinbar unumstößliche Schlagzeile in fetten Überschriften zu vermelden.

Natürlich gibt es die von Haagerup geforderten „guten Nachrichten“ auch in dieser Zeitung. Allerdings, das sei kritisch angemerkt, viel zu oft im kurzen Meldungsformat, im Lokalteil oder als mitunter belächelte „nette Lesegeschichte“, die immer dann gestrichen wird, wenn Korrespondenten oder Agenturen „harte Fakten“ in Form tagesaktueller Neuigkeiten melden. Im Fernsehen sind die 20-Uhr-Nachrichten für Fakten reserviert, Reportagen und Hintergründe bleiben im Online-Auftritt des Senders oder in Nischen-Sendungen verborgen.

Haagerup wiederum ist überzeugt, dass sich in vielen Nachrichten konstruktive Aspekte entdecken lassen, die über das typische News-Format der Agenturen hinausgehen. Aus der klassischen, auf Konflikt ausgerichtete Schlagzeile „Politiker XY kritisiert neues Gesetz“ könnte so beispielsweise die vorausschauende Neuigkeit „Expertenteam erklärt Perspektive auf Grundlage der neuen Gesetzeslage“ werden.

Negativität als Grund für die Abkehr der Leser

Mehrfach betont der dänische Journalist, dass dabei keinesfalls die kritische Haltung – die Wachhund-Funktion – eines Autors auf der Strecke bleiben dürfe. Anhand zahlreicher Beispiele beschreibt Haagerup die Skepsis, die ihm entgegen schlug, als er seine Ideen in einem dänischen Medienhaus einführen wollte – und wie es ihm gelang, ein Format für regelmäßig erscheinende „Good News“ zu etablieren. Das entspreche einem konstruktivem Journalismus, der so in Deutschland derzeit unter anderem vom im Entstehen begriffenen Online-Netzwerk „Perspective Daily“ aufgegriffen wird.

Eine mehrheitlich auf negative Aspekte ausgerichtete Berichterstattung („An der Weser gibt es die meisten Privatinsolvenzen“, „Urlauber sind verunsichert“) identifiziert Haagerup als wichtigen Grund für die Abkehr der Leser vom Journalismus – egal ob online, im Rundfunk oder auf bedrucktem Papier.

Als direkte Folge, sagt Haagerup, wirkt sich diese Entwicklung desaströs auf das Interesse der Menschen für die Politik aus. Und schwächt in letzter Konsequenz gar die Demokratie selbst – weil Journalisten als vierte Gewalt im Staat trotz aller Erosionserscheinungen in der Branche weiterhin Diskussionen und Anschauungen entscheidend mitprägen könnten.

An diesem Punkt wendet sich Haagerup an Autoren, leitende Redakteure und politische Akteure, die Medien bewusst als Plattform für egoistische Kritik und destruktive Einwürfe nutzen. All diesen Gruppen rät er, das tägliche Arbeiten mit Blick auf eine zukunftsorienterte Darstellung relevanter Inhalte zu hinterfragen.

„Constructive News“ sollen eine Ergänzung sein

Dabei müssten sich Medienmacher zwei grundsätzlichen Mechanismen widersetzen, die ihren Berufsalltag seit Jahrzehnten prägen: Zum einen die menschliche Neigung, Negatives eher wahrzunehmen als Positives und zum anderen den Konsens, eher plötzlich auftretendes Übel als langsam voranschreitendes Gutes im Nachrichtengeschäft zu thematisieren.

Laut Ulrik Haagerup sollte es das Ziel sein, reichhaltigere Nachrichten anzubieten, die das Publikum besser am Demokratie-Prozess beteiligen. „Constructive News“ werden auf diese Weise zu einem ergänzenden Angebot, das eine objektive Berichterstattung keinesfalls ersetzt.

Für unsere Redaktionen könnte das bedeuten, umfassende Sachverhalte verstärkt in Form einer eigenen Rubrik über aktuelle Ereignisse hinaus aufzuarbeiten. Lokale Perspektiven, regionale Lösungsvorschläge und konstruktive Ideen würden so in den Fokus rücken.

Ulrik Haagerups Idee ist überraschend einfach erklärt. Im Buch wiederholt er sein Konzept auf mehrere Arten – in der Theorie, durch unterstützende Zitate und Beispiele aus der Medienwelt. Wohlwissend, dass nur wenige Redaktionen die personellen Mittel besitzen, um lösungsorientierte Geschichten innerhalb eines Arbeitstages aufzuarbeiten, gibt Haagerup den Lesern im letzten Kapitel seines Buches dankenswerterweise einen Leitfaden für Redakteure in die Hand.

„Constructive News“ will anregen und schafft das auch. Über eine Umsetzung soll in der überregionalen Redaktion dieser Zeitung in Kürze darüber gesprochen werden – für eine möglicherweise attraktivere Tageszeitung. Oder, um es mit Altkanzler Helmut Schmidt im Vorwort des Buches zu sagen: für das Wohl der Weltgemeinschaft.

Ulrik Haagerup: „Constructive News“ (2015), Verlag Oberauer,

213 Seiten, 24,90 Euro.

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