Bitte nicht anfassen!

Bremer Künstlerhaus zeigt „Tender Buttons“

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„Soft Nails“ von Nadja Buttendorf.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Sie liegt ausgestreckt auf der Seite, dreht den Kopf – je nachdem, wo sich die Hand gerade bewegt. Dass die Katze den Streichler gar nicht kennt? Geschenkt. Und dass er sie nicht anfassen kann, macht ihr auch nichts. Der Stubentiger liegt nämlich im Schaufenster, hinter einer dicken Glasscheibe. Eine Barriere, die für Streichelgesten zwar optisch durchlässig, für Berührungen aber undurchdringlich ist. Der Katze macht’s nichts, sie muss Berührungen fürs Wohlbefinden nicht spüren – es reicht, sie zu sehen.

Florian Meisenbergs Video „Wembley, farewell my Concubine“ aus dem Jahr 2013 ist eine von mehr als zehn Arbeiten, die sich seit gestern im Künstlerhaus Bremen mit Berührungen und ihrer Bedeutung im Smartphone-Zeitalter beschäftigen. In Fortführung des Berliner Ausstellungsprojekts „Touch“ haben die Kuratorinnen Nadja Quante und Anna Voswinkel Fotografien, Videos, Collagen, Installationen und Skulpturen versammelt. Dazu gehört auch die Videoserie „Soft Nails“ von Nadja Buttendorf. Ausgehend vom Trend, sich mittels Youtube-Tutorials permanent selbst zu optimieren, setzt sich die Künstlerin mit Nail-Art auseinander. Allerdings sind ihre Nägel weder besonders kunstvoll dekoriert, noch hart. Im Gegenteil: Sie sind weich, fast gummiartig, geben beim Kontakt mit Oberflächen sofort nach – und bilden so einen krassen Gegensatz zum gängigen Schönheitsideal. Denn weiche Nägel sind – jedenfalls für Frauen – ein massiver Makel. Kein Wunder also, dass das in den Sequenzen suggerierte Abbrechen der Nägel beim weiblichen Betrachter fast schon körperliche Schmerzen verursacht.

Schmerzfrei, aber nicht weniger aussagekräftig ist „The Stroker“. In dem 15-minütigen Video rekapituliert Pilvi Takala ihre zweiwöchige Intervention in einem Londoner Coworking Space. Dort wurde sie angeblich engagiert, um mittels Berührungen das Betriebsklima zu verbessern. Eine Idee, die bei kaum einem Angestellten gut ankommt. Statt das kurze Streicheln des Arms zum Anlass für eine Kontaktaufnahme oder nur ein Lächeln zu nehmen, sind etliche „Kollegen“ irritiert. Manche versuchen gar, der Berührung mit allen Mitteln auszuweichen – auch wenn sie dabei fast die Wand rammen. Auffällig: Vor allem Frauen wollen sich nicht von einer Fremden anfassen lassen. Auch dann nicht, wenn sie in einem Umfeld arbeiten, wo es zwischen gemieteten Schreibtischen und gemütlichen Sofaecken eigentlich keine physischen Grenzen mehr gibt. „The Stroker“ bietet sich aber nicht nur als Milieu-Studie der modernen Arbeitswelt an. Das Werk ermuntert auch dazu, das eigene Verhalten zu überdenken. Denn man kommt um die Frage nicht herum: Würde ich mich von einer Fremden anfassen lassen? Wohl nicht. Intimität ist – aller Lockerheit zum Trotz – eben immer noch dem Privaten vorbehalten, zumindest aber Menschen, die wir länger als zwei Sekunden kennen.

Angucken:

„Tender Buttons“, bis 10. Juni, Künstlerhaus Bremen, Am Deich 68/69. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 14 bis 19 Uhr.

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