Nur ein bisschen aufregender dürfte es sein: Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes bietet in „Der Kuss“ Gewohntes

Ein klarer Fall für hartnäckiges Beklatschen

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Alles sehr ästhetisch: Szene aus „Der Kuss – Rodin und Claudel“.

Hannover - Von Jörg Worat. In der Morgendämmerung der Moderne kannte die Bildhauerei-Szene zwei große Antipoden: Aristide Maillol (1861-1944), für den die in sich geschlossene Figur das Ideal darstellte, und Auguste Rodin (1840-1917), der das Instabil-Dynamische schätzte. Leicht zu erraten, welche dieser beiden Positionen einen Choreographen besonders reizen muss, erst recht, wenn auch noch eine irre Liebesgeschichte dazukommt: „Der Kuss – Rodin und Claudel“ hat Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes sein neues Stück genannt und so den Namen einer berühmten Plastik mit den Protagonisten einer berühmten Liaison verbunden. Die Premiere im Opernhaus war ausverkauft und wurde, das stand eigentlich schon vorher fest, lautstark bejubelt. - Von Jörg Worat.

Mannes hat im Laufe der Jahre seine Tanzsprache verfeinert, ist auch durchaus mutiger geworden, doch gewisse Standards sind geblieben. Unseriöses wird sich bei ihm nicht finden, allerdings sehr wahrscheinlich auch nichts wirklich Aufregendes. Die reine Bewegungsverwaltung liegt ihm ebenso fern wie aufgesetzte Üppigkeit: Da ist alles sehr ästhetisch und sehr musikalisch, das neoklassische Element spielt zwar eine Rolle, wird aber nicht (mehr) überstrapaziert, und ein paar kleine Eigensinnigkeiten werden sich auch finden. Nicht anders beim „Kuss“.

Es gibt den einen oder anderen geschmackvollen Pas de deux mit geschmeidigen Hebefiguren. Es gibt geschmackvolle Gruppenszenen, wobei die Männer interessanterweise eine Art Halbkorsett tragen. Es gibt ein geschmackvolles Bühnenbild (Ausstattung: Alexandra Pitz) mit baumelnden Riesenkleidern, die sich fraglos gut machen.

Wenn die Hauptfiguren einer Mannes-Choreographie ein heterosexuelles Paar sind, kann man davon ausgehen, dass Denis Piza und Catherine Franco diese Rollen bekommen. Das brasilianische Duo tanzt auch diesmal wieder ohne Fehl und Tadel, insbesondere Franco besticht einmal mehr mit darstellerischer Intensität, wobei ihr Part freilich auch höchst dankbar ist: Die genialische Camille Claudel, die vergeblich darauf hofft, Rodin ganz an sich zu binden, und schließlich in der Klapsmühle landet, bietet jede Menge Facetten.

Ansonsten besticht vor allem das Kollektiv. Eine Ausnahme ist Joseph Gray als Sohn aus Rodins Beziehung mit der langjährigen Lebensgefährtin Rose – durch gebrochene Bewegungsmuster macht er die speziellen Probleme dieser Figur deutlich, stellt das Leiden allerdings zuweilen derart aus, dass es etwas Dekoratives bekommt. Wenn Demis Moretti als Camilles zwielichtiger Bruder Paul nicht weiter auffällt, ist das positiv zu werten, weil der Tänzer die Rolle äußerst kurzfristig vom Kollegen Rubén Cabaleiro Campo übernommen hat, der sich ausgerechnet bei der Generalprobe verletzte. Übrigens kann es nichts schaden, die Details der Geschichte vorher zu kennen, um die jeweiligen Handlungsweisen der Figuren richtig einordnen zu können.

Das Niedersächsische Staatsorchester unter Benjamin Reiners muss diesmal viel Minimal Music spielen, keine leichte Aufgabe, denn man darf dabei nicht glänzen wollen. Vor allem im ersten Teil mit Klängen von Michael Nyman gelingt das hervorragend, danach bei John Adams immer noch sehr gut – die gewünschte Sogwirkung kommt auch im Schlussteil mit Sergei Rachmaninows „Toteninsel“ über weite Strecken zustande.

Bei derart vielen Pluspunkten klarer Fall: ein runder Abend, aus gutem Grund hartnäckig beklatscht. Wenn er nur ein wenig aufregender gewesen wäre.

Die nächsten Vorstellungen sind am 28. November sowie am 5. und 10. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr im Opernhaus Hannover.

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