Vor zwanzig Jahren begegnete unser Redakteur einer echten Rock-Legende

Lemmy Kilmister: „Bis ich tot umfalle“

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Rock-Legende Lemmy (l.) erklärt unserem Autor die Welt. - Fotos:

Hannover - Von Rolf Stein. Es war wirklich ein Schock, als vor einem Jahr bekannt wurde, dass Ian Kilmister, besser bekannt als Lemmy, Gründer, Bassist und Stimme der legendären Rockband Motörhead im Alter von 70 Jahren gestorben war. Nicht wenige waren wider besseres Wissen davon ausgegangen, dass Lemmy gar nicht sterben könnte.

Als ich die Nachricht von Lemmys Tod verdaut hatte, fiel mir ein, dass ich ihn sogar einmal persönlich getroffen hatte, vor ziemlich genau zwanzig Jahren. Ich hatte damals einen Interviewtermin bekommen und war mit einer Freundin, die Fotos machen sollte, nach Hannover gefahren. Aussichten, das Interview zu verkaufen, hatte ich nicht. Weshalb es bis heute unberührt auf einer Mikrokassette schlummerte, wie sie in den damals handelsüblichen Diktiergeräten steckten.

Lemmy und Gitarrist Phil Campbell waren damals auf einer Interviewtour, um Werbung für ihr kommendes Album „Overnight Sensation“ zu machen – ein Titel, der mit grimmigem Witz auf den Stand der Dinge im Motörhead-Land verwies: Gut 20 Jahre nach ihrer Gründung tingelte die Band durch mittelgroße Hallen, von Kollegen verehrt, von ihren treuen Fans geliebt, aber wie bei den Ramones, ihren Brüdern im Geist, entsprach der kommerzielle Erfolg nicht annähernd ihrem Einfluss.

Das Hotel in Hannover, in dem Lemmy und Motörhead-Gitarrist Phil Campbell Audienz gewähren, spiegelt den Karrierestand wider: keine Absteige, aber auch alles andere als luxuriös. Im Hotel empfängt mich ein Promoter von der Plattenfirma. Promoter sind die Leute, die die Presse mit Musik bemustern, Interviews organisieren und vor Ort für deren Ablauf sorgen. Manchmal gehört zu ihrem Job auch, den Journalisten einzuschärfen, was sie auf keinen Fall fragen dürfen. Immerhin eine halbe Stunde bekomme ich zugestanden, dafür muss ich mir Lemmy und Campbell mit Kollegen von einer Stadtillustrierten aus einer anderen Stadt teilen.

Der Promoter führt uns vor die Tür der Suite, in der die Musiker auf uns warten. Warten. Scherze unter Kollegen. Ein bisschen Nervosität. Im Kopf gehe ich meine Fragen durch – als die Tür aufgeht und ein Mann herauskommt. Es ist Lemmy höchstpersönlich, der sich entschuldigt und sagt, er müsse Whiskey organisieren.

Müsste er nicht zwei Meter groß sein?

Ein Schock: Muss so ein Mann das noch selbst erledigen? Noch ein Schock: Müsste er nicht mindestens zwei Meter groß sein? Wie auf der Bühne? Stattdessen kann ich ihm auf den Scheitel schauen. Dabei ist er natürlich gar nicht wirklich klein. 1,78 Meter immerhin. Plus die Absätze seiner obligatorischen Stíefel. Als Lemmy mit dem Nachschub zurück ist, geht es los – denken wir. Aber die beiden Herren müssen sich noch Entwürfe für das Cover ansehen. Schließlich lassen sie sich doch herab, unsere Fragen zu hören. Es juckt mich in den Fingern, ein bisschen aufsässig zu sein – zu viel Ehrfurcht ist schließlich nicht journalistisch. Kernthese: Waren Motörhead vor zwanzig Jahren eine der radikalsten Bands der Rockwelt, gibt es heute etliche, die schneller und härter sind. Und dann haben sie auch noch angefangen Balladen zu schreiben. Darf das sein? Ob es auf ihrem neuen Album mehr davon geben wird?

Lemmy schnoddert los: „Ich weiß nicht. Wenn ich eine will, dann nehme ich eine drauf. Warum? Stört dich das? Verschiedene Arten von Musik auf einem Album? Bist du auch Rassist oder Vegetarier?“ Er scheint glatt ein bisschen auf Krawall gebürstet – aber er ist ja schließlich Lemmy. Ich antworte, dass ich zumindest das Video zu „I Ain’t No Nice Guy“, 1992 mit Ozzy Osbourne von Black Sabbath aufgenommen, nicht besonders gemocht hätte. „Das Video hat uns acht Mille gekostet“, sagt Lemmy. „Wir haben es selbst gemacht, weil Sony uns kein Geld dafür gegeben hat.“

„Findest du, dieser Typ sieht wie ein Boss aus?“

Zustimmung? Ein Entgegenkommen? Wie ihre finanzielle Situation im Moment sei? „Verzweifelt“, sagt Lemmy. Ob er der Boss in der Band sei, will die Kollegin von der anderen Stadtillustrierten wissen. „Der große Boss?“, fragt Lemmy amüsiert. „Findest du, dieser Typ“ – er zeigt auf sich selbst – „sieht wie ein Boss aus? Nein, bin ich nicht.“

Warum es so viele Umbesetzungen gegeben habe, fragt der Kollege von der anderen Stadtillustrierten. Lemmy kontert: „Es waren sechs in zwanzig Jahren. Das ist nicht viel.“ Und Gitarrist Phil Campbell weist darauf hin, dass er mit diesem Mann seit 13 Jahren zusammen spiele. Wobei er in Wirklichkeit ein sehr viel derberes Wort für seinen Kollegen benutzt. Der sich null daran stört. Bei Motörhead zu sein, schweißt zusammen.

Phil Campbell, Gitarrist von Motörhead, ist guter Dinge.

Was sie über neue Bands denken, fragt der Kollege. „Wir haben nicht viel Zeit, viel neue Musik zu hören“, sagt Campbell. Dass Lemmy Napalm Death nicht möge, sei zu lesen, werfe ich ein, um die Sache wieder in Schwung zu bringen. „Verdammt richtig“, bestätigt Lemmy. „Sie sind schrecklich. Ich mag sie nicht. Ich kann nichts dafür. Wenn ich könnte, würde ich sie mögen. Es wäre einfacher, weil es dann keine Leute wie dich gäbe, die mir sagen: ,Ey, du magst Napalm Death nicht‘.“

Rau, aber herzlich. Zwischendurch reißen sie Zoten. Campbell möchte jetzt endlich eine Frage zum Thema Sex gestellt bekommen. Vielleicht ist das der richtige Zeitpunkt, sich nach der legendären Punk-Sängerin Wendy O. Williams zu erkundigen, die gern halbnackt auftrat und auf der Bühne mit Vorliebe Fernseher und manchmal Autos in die Luft jagte und mit Lemmy mal eine Affäre gehabt haben soll. „Du bist nicht dran“, wird mir etwas kühl von Lemmy beschieden.

Der Zustand des Musikgeschäfts? „Es geht bergab. Sie geben drei Millionen aus, um die neue Platte von Michael Jackson zu promoten und entlassen die anderen Bands. Die Prioritäten sind falsch gesetzt, Geld ist nicht alles. Wenn du Sachen nur für Geld machst, ruinierst du dein Leben.“ Und was sie von Straight Edge halten, einer Bewegung in der Hardcore-Szene, die den Verzicht auf Drogen predigt? Lemmy: „Lächerlich, oder? Was hat das mit Rock’n’Roll zu tun?“

„Es ist der beste Job der Welt.“

Wie lange er, Lemmy, das noch machen will? „Bis ich tot umfalle. Die Bühne ist kein schlechter Ort zu sterben.“ Und setzt nach: „Es ist der beste Job der Welt, man kommt herum und sorgt dafür, dass Leute sich besser fühlen.“ Und auf einmal klingt er ganz ernst. Ein bisschen später macht er sich sogar über sich selbst lustig: „Weißt du, wenn du älter wirst, hörst du deinen Vater aus deinem Mund sprechen. Es ist schrecklich, aber du kannst nichts dagegen machen.“ Und lacht sein raspelndes Lachen.

Lemmy: „Geld ist nicht alles.“

Ist ihm das etwa selbst verdächtig? Jedenfalls unterbricht er das Gespräch an dieser Stelle rüde, in dem er Musik anmacht: „One for the money, two for the show“, dröhnt es aus dem kleinen Kassettenrekorder auf der Kommode, „Blue Suede Shoes“, 1990 aufgenommen von Lemmy mit den Upsetters und Mick Green.

Danach: „Please Don’t Touch“, eine Zusammenarbeit von Girlschool und Motörhead. Was ich davon halte, will Lemmy von mir wissen. Daumen rauf, eh klar. Dann ein Duett mit besagter Wendy O. Williams: eine ergreifend rüpelnde Fassung der Tammy-Wynette-Schnulze „Stand By Your Man“ – so schön wurde das reaktionare Heimchen-am-Herd-Klischee nie zerstört. Noch Fragen? „Ich habe Jimi Hendrix auf der Bühne gesehen. Ich habe für ihn gearbeitet“, erklärt Lemmy, auch wenn das eigentlich jeder weiß. „Ich habe die Beatles im Cavern Club gesehen. Sie waren besser als alles, was du je zu sehen bekommen wirst. Egal, ich geh mal runter, see you.“ Und weg ist er.

In den Jahren danach habe ich Lemmy noch oft gesehen. Auf der Bühne. Da war er dann tatsächlich zwei Meter groß – mindestens. Und er hat Wort gehalten: Er zog es bis zum Ende durch. Beinahe wenigstens. Heute vor einem Jahr starb er, zwei Wochen nach seiner letzten Show und zwei Tage nach seinem siebzigsten Geburtstag, an den Folgen einer Prostatakrebserkrankung.

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