Biomechanik frisst Schöpfer

Luise Voigt setzt in Oldenburg den Orwell-Klassiker „1984“ in Szene

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Eine ungemütliche Welt: Klaas Schramm als Winston (l.) und sein Inquisitor Matthias Kleinert in „1984“. 

Oldenburg - Von Rolf Stein. Früher einmal, da nahm man George Orwells Roman „1984“ gern als Parabel auf die Sowejtunion, oder besser wohl: auf alles, was irgendwie nach Kommunismus roch. Manche wiederum entdeckten später in den immer umfänglicher werdenden Möglichkeiten der Überwachung auch in freiheitlicheren Gesellschaften Parallelen zu dem düsteren Bild, das der bekennende „demokratische Sozialist“ von der Zukunft zeichnete.

In Orwells Überlegungen zur Sprachpolitik – Stichworte: „Neusprech“, „Gutdenk“ – erblickten dann manche die Vorwegnahme der politischen Korrektheit. Nicht zu vergessen: Der „große Bruder“, der bei Orwell für eines alles überblickendes Machtsubjekt steht, stand Pate für ein ungebrochen erfolgreiches TV-Format: „Big Brother“. In anderen Worten: Es gehörte nicht viel dazu, bei einer Verwendung des Stoffs für die Theaterbühne die Aktualisierungskarte zu ziehen und Orwell zum Kronzeugen für tagespolitische Anmerkungen zu machen. Regisseurin Luise Voigt, die in Oldenburg zuletzt „Dokusoap. Episode 451“ auf die Bühne brachte, macht es sich und ihrem Publikum nicht so leicht.

Dass die Welt, in der sie die Geschichte von Winston und Julia spielen lässt, eine ungemütliche ist, das kommt freilich wenig überraschend. Ebenso, dass schon ganz am Anfang, aber auch später immer wieder Zitate aus Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ auf die Bühne projiziert werden. Wie sich das Personal auf jener bewegt, ist schon eher bemerkenswert. Es sind eigentümlich stilisierte Bewegungen, Haltungen, die die Schauspieler da vollführen – und wir bekommen dann auch erklärt, was es damit auf sich hat: Der Theatermacher und Erfinder der Biomechanik Wsewolod E. Meyerhold, verkörpert durch Kammerschauspieler Thomas Lichtenstein, erläutert höchstselbst seine Theorie, nach der durch bestimmte Körperhaltungen Schauspieler zu sowjetischen Schauspielern werden sollen.

Was ein didaktischer Einschub sein könnte, verschränkt sich im Verlauf des gut zweieinhalbstündigen Abends mit Orwells Fabel, Meyerhold verschmilzt mit Emmanuel Goldstein, der Mythos gewordenen oppositionellen Figur aus „1984“. Und wirft erst recht die Frage auf, was das mit uns zu tun hätte. Die Sowjetunion ist Geschichte, „alternative Fakten“ lassen per Definition ja immerhin zwei Lesarten zu. Und Überwachung gibt es natürlich in der stilisierten Welt, die Stefan Bischoff (Bühne), Nina Kroschinske (Kostüme) und Friederike Bernhardt (Musik) hier eingerichtet haben. Aber von NSA oder BND fehlt eben auch jede Spur.

Die Engführung von Orwells Roman und Meyerholds Biografie erreicht derweil etwas anderes: dass man sich Gedanken darüber macht, wie der Körper zum Gegenstand von Politik wird und wie diese Gewalt nach innen wirkt. Was Hannah Arendt sagt. Was Orwell zeigt. Winston, Parteimitglied, der im „Ministerium der Wahrheit“ sein Teil zur Weiterentwicklung des „Neusprech“ beiträgt, aber die Kontrolle über die Vergangenheit nicht aufgeben will, wird zum Untertan gebrochen. In einem tot anmutenden Wald begegnet er Julia am Ende wieder. Sie haben sich gegenseitig verraten – und damit sich selbst.

Auch Meyerhold verrät sich selbst, klagt sich an, wie das in den Schauprozessen Stalins üblich war, wo sich die besten Köpfe der Revolution trotzkistischer Umtriebe bezichtigten, im Wissen, dass sie damit ihren Tod besiegelten. Voigt mag auf Vergangenes verweisen, nicht nur wegen Meyerhold – auch Picassos berühmtes Gemälde „Guernica“ ist Teil dieser virtuosen Dystopie, an deren Gelingen das Ensemble großen Anteil hat, allen voran Klaas Schramm und Franziska Werner als Winston und Julia.

Voigt spannt eher einen Assoziationsraum auf, als die Perspektive auf etwas Bestimmtes zu richten und so einzuengen. Sie selbst formulierte es in einem Interview so: Sie wolle zeigen, „was alles denkbar ist und möglich sein könnte“. Diese Mahnung ist ihr geglückt.

Die nächsten Vorstellungen: heute, Donnerstag sowie 12. und 14. September, jeweils um 20 Uhr, Kleines Haus, Oldenburgisches Staatstheater; www.staatstheater.de

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