Nicht immer nur dagegen 

Bini Adamczak entdeckt im Aufstand den Kampf um Solidarität

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Zumindest nicht vereinzelt: Trupp in bayerischer Tracht während der Revolutionswirren nach dem Ersten Weltkrieg 1919 in München.

Bremen - Von Benjamin Moldenhauer. Es falle uns inzwischen leichter, uns das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus, hat der Philosoph Slavoj Zizek einmal behauptet. So eine Wahrnehmung lässt sich natürlich nicht beweisen. Plausibilisieren lässt sie sich aber: Schon ein Blick in die Kinolandschaft bestätigt, dass Katastrophenphantasien omnipräsent, Utopien hingegen keine mehr zu finden sind.

Die Idee, ein Buch nicht nur über die Geschichte, sondern auch über die mögliche Zukunft von Revolutionen zu schreiben, erscheint heute dementsprechend anachronistisch. Bini Adamczaks „Beziehungsweise Revolution“, das die Autorin heute Abend im Bremer Kukoon vorstellt, vergleicht die Aufstände von 1917 und 1968. Und das nicht in Form einer historischen Übung, sondern als Versuch, an uneingelöste Potenziale der vergangenen Transformationversuche zu erinnern, ohne die Gewaltgeschichte dieser Versuche zu negieren.

Anachronistisch ist nichts an diesem Buch. Der Text wirkt nicht deswegen durch und durch zeitgemäß, weil er passgenau zur aktuellen Jubiläumskonjunktur passt - 100 Jahre Oktoberrevolution, 50 Jahre 1968 –, sondern weil es Adamczak gelingt, eine Perspektive auf die Geschichte zu entfalten, die immer in Beziehung zur Gegenwart argumentiert. Die Geschichten der russischen Revolution wie auch der 68er-Bewegung werden nicht als Geschichten eines Scheiterns erzählt. Die Hoffnungen, die sich mit Begriffen wie Befreiung und Gleichheit verbanden, sind bewahrenswert und wirken weiter - auch wenn ihre Verwirklichung durch das, was Adamczak in Bezug auf 1917 die „stalinistische Konterrevolution“ und in Bezug auf 1968 die „neoliberale Konterrevolution“ nennt, jeweils verhindert wurde.

Der Text nähert sich der Geschichte der russischen Revolution von den Rändern her: Nach der Übernahme der Staatsmacht durch die Bolschewiki macht sich eine Melancholie bei den Revolutionären breit, die Bini Adamczak „postrevolutionäre Depression“ nennt. Sie interpretiert die Schwermut der ehemaligen Kämpfer, von denen viele später dem stalinistischen Terror zum Opfer fallen, als Zeichen dafür, dass „Revolution“ nicht einfach „gewaltsame Übernahme der Staatsmacht“ bedeutet. Gesucht und „begehrt“, wie Adamczak schreibt, wurde von den Revolutionären etwas anderes: neue Beziehungsweisen nämlich, vor allem eine neue Weise, Geschlechterverhältnisse zu gestalten. Dieser Aspekt der russischen Revolution wurde durch die Dominanz des idealisierten soldatischen Revolutionärs mehr und mehr zerstört.

1968 hingegen ging es nicht mehr so sehr um die Übernahme der Staatsgewalt, sondern um Subversion, Feminismus, Befreiung der Sexualität und Selbstbestimmung. „Beziehungsweise Revolution“ spielt nun nicht Revolution gegen Revolte aus, sondern versucht freizulegen, was beiden zugrundeliegt. Eine der zentralen Schlussfolgerungen, zu denen Adamczak kommt, ist schon deswegen streitbar, weil sie auf den ersten Blick zu schön scheint um wahr zu sein: Es gehe in der Revolution nicht zuerst um den Kampf gegen etwas, sondern um die Erfahrung von Solidarität.

Der Text aber argumentiert so präzise, dass man diese These nicht als Kitsch, sondern als überzeugendes Analyseergebnis präsentiert bekommt. „Solidarität ist hier weder eine theoretische Forderung noch eine bloße Funktion des Kampfes, sondern dasjenige, um dessentwillen Revolutionen gemacht werden“, schreibt Adamczak. Während Stalinismus und Neoliberalismus in unterschiedlicher Weise (und mit unterschiedlichem Destruktionspotenzial) gerade auf Vereinzelung zielen.

Mit diesem großen historischen Bogen und solchen ganz gegenwärtigen Diagnosen ist Bini Adamczak einer der erhellendsten und streitbarsten politischen Texte seit Langem gelungen.

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