Die „Bingo-Bongo-Bude“ in Oldenburg

Viel Glitzer, kein Hessisch

+
Irgendwas ist immer: Lisa Jopt und Pirmin Sedlmeir in der „Bingo-Bongo-Bude“.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. „Das Geile ist“, kräht spät abends die Frau mit der goldenen Glitzerkrone: „Irgendwann kommt der Moment, da schämt man sich für gar nichts mehr!“ Als sie das sagt, hat der Mann am Tresen schon aus dem Drehbuch eines Pornofilms rezitiert, der Frontman einer lokalen Popgruppe über dicke Schafe gesprochen und das Publikum in Clownsmaskerade Westernhagens „Freiheit“ gegrölt. Lauter peinliche Sachen halt. Aber schämen? Nö. Stimmt eigentlich. - Von Johannes Bruggaier.

Die Frau mit der Glitzerkrone heißt Lisa Jopt, sie ist Schauspielerin am Oldenburgischen Staatstheater und Gastgeberin einer kleinen – ja, was eigentlich? – Talk-, Performance-, Kabarettshow. „Personality-Late-Night“ nennt es das Theater selbst, und das trifft es vielleicht tatsächlich am Besten.

Wer die „Bingo-Bongo-Bude“ im Foyer des kleinen Hauses besuchen will, sollte ausgeschlafen sein. Los geht‘s erst um zehn Uhr abends, zu trinken gibt es reichlich, und dass mit dem offiziellen Finale die Party noch lange nicht vorbei ist, versteht sich von selbst.

Erwarten darf er dafür ein Prosit der Gemütlichkeit: Lokalambiente im Publikum, Wohnzimmersofa auf der Bühne. Am Mittwochabend hätte dort Wolfram Lotz Platz nehmen sollen, doch der Shootingstar der deutschsprachigen Theaterliteratur meldete sich krank. Statt seiner sitzt dort nun ein schmaler Junge mit dem schönen Namen Christopher. Wie er weiter heißt, hat man zwar bald vergessen, wichtiger ist aber ohnehin ein anderer Name: „Lee Jay Cop“. So heißt seine Band.

Muss man die kennen? Na klar, sagt Christopher. Schließlich sei er mit seinen Jungs nicht nur in Oldenburg unterwegs, sondern auch in den Metropolen, zum Beispiel in Berlin oder auch in äh, also… Berlin… ach ja, in Stuttgart noch. Und richtig: In Peine waren sie mal! Ihre neue Scheibe heißt „Irgendwas is‘ immer“, weil, erklärt Christopher, „irgendwas halt immer is‘“. Dann singt er, und zwar auf Deutsch. Weil „ich den Song halt auf Deutsch geschrieben hab‘“.

Diese Form des launigen Understatements – was er singt, kann sich übrigens sehr wohl hören lassen – ist Programm. Ein Abend in der „Bingo-Bongo-Bude“, das sind unterhaltsame eineinhalb Stunden der gepflegten Selbstironie: eine kurzweilige Suche nach dem absurden Moment, aus welchem sich im Idealfall eine erhellende Pointe ergibt. Dann gelangt Jopt im Gespräch mit Kolleginnen vom Künstlerkollektiv „Fräulein Wunder AG“ zu der Erkenntnis, dass sich niemand leichter erpressen lasse als Hochzeitspaare. Koste es, was es wolle: Das hohe Fest „muss der schönste Tag deines beschissenen Lebens werden“.

Fällt ihr einmal keine Pointe ein, kann sich Jopt auf Barmann Jens Ochlast verlassen, der hinter dem Tresen als Sidekick fungiert. Pirmin Sedlmeir am Keyboard steuert zum Glitzerkleid den passenden musikalischen Glanz bei. Bei Bedarf steht er seiner Chefin auch als multilingualer Dialektexperte zur Verfügung – auch wenn zu dessen Mundartdarbietungen nicht jeder Beifall klatschen mag. „Des is‘ do kei Hessisch!“, empört sich ein Gast. Der Gescholtene zuckt nur mit den Schultern: Es gibt eben Momente, da schämt man sich für gar nichts mehr.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Ein Toter und 15 Verletzte nach Explosion in Wohnblock

Ein Toter und 15 Verletzte nach Explosion in Wohnblock

Selbstversuch: Reporterin fällt ihre erste Buche

Selbstversuch: Reporterin fällt ihre erste Buche

Verabschiedung des Verdener Redaktionsleiters Volkmar Koy in den Ruhestand

Verabschiedung des Verdener Redaktionsleiters Volkmar Koy in den Ruhestand

Wie werde ich Reifenmechaniker/in?

Wie werde ich Reifenmechaniker/in?

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Prima Madonna

Prima Madonna

Entwickelter Alltag

Entwickelter Alltag

Ulrich Mokrusch wird Intendant in Osnabrück

Ulrich Mokrusch wird Intendant in Osnabrück

Kommentare