Kunsthalle Bremen präsentiert ihre „Kriegsrückkehrer“

Bilder für Thriller

Rembrandt Harmensz. van Rijn: „Die Flucht nach Ägypten“, 1652. ·
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Rembrandt Harmensz. van Rijn: „Die Flucht nach Ägypten“, 1652. 

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Man fühlt sich leicht im falschen Film, wenn Kunsthallen-Kuratorin Christien Melzer die Geschichte mancher Bilder ihres Hauses nacherzählt. Dabei geht es nicht einmal allein um die bekannten Weltkriegswirren mit hastigen Auslagerungen in geheime Verstecke, mit Plünderungen und Entführungen.

Es geht vielmehr um heutige Ereignisse, die das beschauliche Museum an der Weser als Fundgrube für Thrillerautoren erscheinen lassen.

Da werden Anfang der neunziger Jahre in der deutschen Botschaft zu Moskau eines Tages anonym 101 Zeichnungen und Druckgrafiken aus Bremer Besitz eingereicht. Das Material befindet sich somit auf deutschem Boden, allerdings ohne Aussicht auf legale Überführung nach Bremen. Die erfolgt erst nach sechs Jahren zäher Verhandlungen – im Tausch gegen ein Mosaikstück des Bernsteinzimmers.

Oder die acht Werke, welche im vergangenen Sommer zurück nach Bremen gelangten: Eine norwegische Familie möchte die Bilder 2011 in einem Londoner Auktionshaus versteigern lassen. Dort identifizieren Experten alte Inventarnummern der Kunsthalle Bremen und ziehen die Blätter vom Verkauf zurück. Auf dem Leuchttisch zeigen sich später helle Kreise, als hätte dort jemand die Oberfläche des Papiers abgeschabt. Ihr Durchmesser: exakt von der Größe des Bremer Sammlungsstempels.

Mit einer Ausstellung im Alten Studiensaal ihres Kupferstichkabinetts will die Kunsthalle nun einen Einblick in diese Geschichten bieten. Und damit auch dokumentieren, wovon eigentlich bei solchen Rückgabe-Aktionen die Rede ist.

Anlass und Kernstück der Schau bilden jene acht Bilder aus Norwegen, sechs Rembrandts, ein Toulouse-Lautrec und ein Goya. Dabei sind insbesondere die Radierungen Rembrandts bemerkenswert, insofern als in ihnen die herausragenden Merkmale des niederländischen Meisters exemplarisch greifbar werden. Der „heilige Hieronymus, lesend in italienischer Landschaft“ (1653) offenbart ein für die Technik der Radierung frappierendes Widerspiel von gleißendem Licht und dunklem Schatten Rembrandts unverkennbarer Blick für Perspektiven und Lichtwirkung.

Eine wahre Rarität ist „Die Flucht aus Ägypten“ (1652), laut Melzer die einzige Radierung, die Rembrandt auf einer bereits von einem anderen Künstler bearbeiteten Kupferplatte vorgenommen hat. So muten manche Busch- und Baumformationen seltsam markant an, als habe es gegolten, eine vormalige Struktur kurzerhand umzuwidmen. Und das Blattwerk des Waldes am rechten Bildrand weist deutlich die Musterung eines Vogel- oder Engelflügels auf. Kein Wunder: „Jakob mit dem Engel“, soll der Titel des vorher auf der Platte sichtbaren Bildes von Hercules Seghers gelautet haben.

Dass Rembrandt mit seinem Verständnis für die Wirkung von Licht nicht allein war im Zeitalter des Barock, zeigt sich unter anderem bei Pieter de Molijn. Seine „Dünenlandschaft“ aus dem Jahr 1650 zeigt bis ins Detail wohldurchdachte Schattenwürfe, mit kunstvoll eingesetzter Pinsellavierung verleiht de Molijn der Szene eine malerische Note. Das Bild entstammt einer Sammlung in norwegischem Privatbesitz, die bereits 1967 zurückgeholt werden konnte, damals noch unter Einsatz finanzieller Mittel der Stadt Bremen. Gleiches gilt für den „weiblichen Kopf, nach links herabsehend“ von einem unbekannten niederländischen Künstler aus dem 17. Jahrhundert, den Kunsthistoriker der Rembrandt-Schule zuordnen. Eindrucksvoll an dieser flüchtigen Studie ist nicht allein die Plastizität der porträtierten Gesichtszüge, sondern vor allem deren ironische Intention: eine für Frauendarstellungen im Barock ungewöhnliche Andeutung.

So lassen sich hinter den an sich schon abenteuerlichen Geschichten der Bremer „Kriegsrückkehrer“ weitere Rätsel und aufregende Episoden erkennen. So übersichtlich die im Kupferstichkabinett gezeigte Auswahl auch ist, vermag doch jedes einzelne der gezeigten Bilder über wesentliche Aspekte der Kunstgeschichte Aufschluss zu geben: eine spannende Exkursion nicht nur in die Wirren der Nachkriegszeit, sondern vor allem in die unerforschten Ecken des Barock.

Bis 11. Mai in der Kunsthalle Bremen. Öffnungszeiten: Mo.-So. 10-17 Uhr, Di. 10-21 Uhr.

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