Neue Malerei des Bremer Künstlers Achim Bertenburg in der Weserburg

Bilder begegnen Blicken

Achim Bertenburg: Rocco. 2008. Öl auf Leinwand

Von Rainer BeßlingBREMEN · „Bertenburg Malerei“ ist die Ausstellung in der Weserburg Bremen lakonisch überschrieben. Aus der Schlichtheit spricht auch ein Statement. Das periodisch abgeschriebene Medium steht für sich, bedarf keiner thematischen oder stilistischen Attribute und schon gar keiner Rechtfertigung.

Wer sich wie Achim Bertenburg über Jahrzehnte auf Malerei konzentriert hat, darf unbeeindruckt sein von Rezeptions- und Diskurs-Konjunkturen. Seine Werke behaupten sich als autonomes Wahrnehmungsereignis und als Medium der Gegenwart. Sie vollziehen einen Dialog über Bild und Blick nach und setzen ihn in Gang. Raumgreifende Präsenz nimmt den Betrachter mit in rhetorisch und dialektisch reiche Geschichten der allmählichen Verfertigung des Bildes beim Malen.

Ein Exponat scheint herauszufallen. Es ist eine Fotografie, betitelt mit „Garten“. Sie zeigt eine halbwegs wilde Idylle mit frei wuchernden Bäumen, einer Bretterbude, einem Holzstapel und einem überwachsenen Betongebäude. Die Landschaft mit ihrer einfachen ruinösen Bebauung umspielt einen romantischen Blick. Die Gebäude und eine am Baum lehnende Leiter deuten auf eine Nutzung des Geländes hin, die frei ist von Kultivierungsehrgeiz. Dieser „Garten“ wirkt mehr wie ein Entdeckungsrefugium und Übergangsterrain zwischen Anlage und freiem Wuchs.

Da das Foto auch als Umschlagmotiv des Katalogs dient, kann es für Bertenburg nicht ganz ohne Belang sein. Schaut man auf die Malerei des Bremers, macht sich dieser allerdings kaum verdächtig, nach der Fotografie zu malen. Weist auch manche Formation in der Gartenwildnis – etwa die Verschlingungen des Geästs oder das in vielen Valeurs schimmernde Gras – Ähnlichkeit mit Liniengeflechten und Flächenschichtungen in der Malerei auf – ist das Verhältnis nicht das einer motivischen Verwandtschaft. Das Foto deutet eher auf strukturelle Zusammenhänge hin, auf Orte des Übergangs und Zwischenzustände.

Der „Garten“, übrigens ein Refugium in der Stadt aus früheren Zeiten, repräsentiert mit der Natur einen Raum, in dem sich der Künstler vorzugsweise bewegt, der ihm Bilder liefert, der ihn zugleich auf die eigene Fokussierung und Bildgebung zurückwirft. Gleichzeitig beschreibt dieser „Garten“ nicht Exotik und Eskapismus, sondern nahe Lebenswirklichkeit.

Den hohen und heiligen Ton der Abstraktion als letzter Stufe der Malerei, als Vollendung von Autonomie und universeller Entäußerung des authentischen Künstlers, sucht man bei Bertenburg vergebens. Seine Entfernungen vom Gegenstand bleiben im Ergebnis Suchvorgänge mit Formfindung und deren wiederholter Rücknahme. In verschiedenen Aggregatzuständen der Werke umkreist der Künstler elementare Fragen der Wahrnehmung und Bildgebung als Pendelbewegung zwischen Wirklichkeitserfahrung und Imagination. Mit jeder Runde und Schicht lagert sich eine neue Erfahrung mit der eingeschlossenen Imagination und den Eigenbewegung des Bildes an.

In einem Gemälde wie „Rocco“ bleibt eine Kompositionsanlage erkennbar, die Bertenburg häufiger verwendet. Punkte sind zu Beginn des Malprozesses in einer Rasterformation angeordnet. Die Grundstruktur tritt aus konzeptueller Erwägung als eine Abwehrmaßnahme gegen beliebiges Flottieren der Linien auf. Zudem stellt sie den Reibungswiderstand dar, den der Maler als Impuls für seine dialogischen Bildentwicklungen nutzt.

Neben Rasterstrukturen bilden oft auch gegenstandsnahe Figurationen den Ausgangspunkt einer Komposition. Diese werden in vielen Fällen vollständig übermalt und sind für den Betrachter nicht mehr erkennbar. Für den Maler sind sie aber unabdingbar, halten sie doch den Anschluss an Gesehenes und das Sehen, das sich mit dem Malen auf einen immer neuen Weg begibt.

Bertenburgs Bilder lassen den Blick des Betrachters zur Ruhe kommen und halten ihn dabei dennoch in permanenter Bewegung. Der Rezipient ist nicht nur aufgefordert, eine Perspektive auf das Bild, sondern auch einen Standort im Bildgeschehen zu finden. Im Streben nach Einfachheit und Klarheit bleibt Komplexität erhalten, in der Konkretion der Mittel schwingt die Immaterialität der Wahrnehmung mit.

Mit ihrer meist untergründigen Komplexität setzen Bertenburgs Werke einen Gegenpol zu Vereinfachungstendenzen, die im Alltag als Abwehr gegen den lähmenden – nicht nur visuellen und nicht nur medialen – Strom der Realität zum Einsatz kommen. Malerei erweist sich als eine Insel der Intimität, auf der das Sehen zu sich selbst kommt und sich vom voyeuristischen Blitzanschluss an öffentliche Ikonen befreit. (Bis 27.3.)

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