Émile Zolas Roman in der Gegenwart

La Fleur zeigt „Nana“: Am besten mit Hüftschwung

Audrey Youayou als Sexarbeiterin Satin

Bremen - Von Rolf Stein. Eigentlich ist es gar nicht schön, wie oft die großen Klassiker recht haben. Wenn sie zum Beispiel, wie Émile Zola, die totale Ökonomisierung des Körpers und seiner Regungen beschreiben. Und dabei herausarbeiten, wie ganz schlichte körperliche Bedürfnisse zum gesellschaftlichen Schlachtfeld werden können, sobald sich Reichtum und Macht in wenigen Händen konzentrieren.

Es ist nicht nur, aber doch nicht zuletzt der weibliche Körper, in dem jene Machtverhältnisse ihre Spuren hinterlassen. Weil erstens der Körper die einzige Ressource ist, die zu Markte tragen kann, wer sonst nichts hat. Und weil von gleichem Recht für alle zwar viel geredet wird, die Wirklichkeit aber auch heute noch anders aussieht.

„Prostitution ist nur ein besonderer Ausdruck der allgemeinen Prostitution des Arbeiters“, schrieb einst Karl Marx. Zola, eher ein gemäßigter Linker, lieferte mit „Nana“ die beredte Schilderung einer Verlaufsform dieser Verhältnisse.

Das Theaterlabel La Fleur wiederum, vor ein paar Jahren ins Leben gerufen von Monika Gintersdorfer und Franck Edmond Yao, hat „Nana“ einer neuen Lektüre im Spiegel des 21. Jahrhunderts unterzogen. Nach der Uraufführung in Paris ist das Stück jetzt am Theater Bremen zu sehen.

Der Abend wirkt in Teilen durchaus vertraut. Zum einen, weil einige Mitglieder des Ensembles in Bremen gute Bekannte sind, allen voran Matthieu Svetchine und Justus Ritter vom Bremer Schauspiel. Auch Franck Edmond Yao war schon häufig in den Produktionen von Gintersdorfer/Klaßen in Bremen zu sehen, zuletzt in deren unterhaltsamer wie anregender Dekonstruktion von „Nathan der Weise“. Aber auch die Verfahren, mit denen dort dem Klassiker der Aufklärung auf den Leib gerückt wird, ähneln deutlich denen von „Nana ou est-ce que tu connais le bara?“

Exkurse, Kontextualisierungen, Querverweise werden mit den Biografien der Schauspieler, Tänzer, Musiker verschränkt; Musik, Tanz und Sprechtheater werden immer wieder neu ins Verhältnis zueinander gebracht. Rollen sind lediglich Anregungen zum Nachdenken über Identitäten, was bei dem bunt gemischten Ensemble regelmäßig Übersetzungen erfordert.

In „Nana“ erfahren wir auf diese Weise einiges zu den Ursprüngen der Operette als verruchte Unterhaltungsmaschinerie mit jeder Menge Sex und Drogen. Es geht aber auch um die Wagner-Rezeption im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts, um Bismarck, Kolonialismus und den Niedergang des Adels. Der Bogen ins Heute wird immer wieder geschlagen, nicht nur auf der Textebene: Als sich das gesamte Ensemble in einen rasanten Cancan stürzt, mischt Timor Litzenberger, der als DJ am Rand der Spielfläche musikalische Impulse setzt, sehr zeitgenössische elektronische Beats unter Offenbachs Musik.

Mishaa (v. l.), Annick Choco und Justus Ritter in „Nana ou est-ce que tu connais le bara?“ Fotos: Jörg Landsberg

Es sind solche Volten, die beweisen, dass das dramaturgische Prinzip von La Fleur nach wie vor produktiv ist. Wobei dieser Abend auch auf einer unmittelbareren Ebene immer wieder mitreißt, wenn die übrigens durchweg vorzüglichen Tänzer zu elektrisierenden urbanen Sounds virtuos zeitgenössischen Tanz, Breakdance und westafrikanische Bewegungssprachen verschmelzen.

Nana gelingt es schließlich, wenn auch um den Preis des Burnouts, zur Edelkurtisane aufzusteigen und damit in die höchsten gesellschaftlichen Kreise, die sich offenbar schon zu Zolas Zeiten gern intellektuell niedrigschwelligen, aber teuren Vergnügungen ergingen.

Anders als bei Zola endet die Geschichte eher optimistisch-kämpferisch, einschließlich des Bekenntnisses zu Chateau Rouge, jenem Pariser Stadtteil, der einst Zolas Nana hervorbrachte - und der Gentrifizierung lange standhalten möge. Die Gesamtsituation, könnte das bedeuten, mag immer noch unbefriedigend sein, aber es ist auch nicht ganz unwichtig, wie man sich zu ihr stellt - oder eben bewegt. Und das dann eben am besten mit rotierenden Hüften.

Weitere Termine:

Sonnabend, 20 Uhr und Sonntag, 18.30 Uhr, Kleines Haus, Theater Bremen.

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