Bellinis Oper „Norma“ eröffnet italienische Opernwochen in Hamburg

Besser wäre es konzertant gewesen

Eher eine Lady Macbeth: Marina Rebeka erntet als Norma in der gleichnamigen Oper großen Jubel. Foto: Hans Jörg Michel

Hamburg - Von Markus Wilks. Kinder sind das Beste, das einem passieren kann. Diese Erkenntnis gewinnt die verzweifelte Hohepriesterin Norma, die kurz davor war, ihren eigenen Nachwuchs umzubringen. Eine äußerlich starke Frau, eine Anführerin, die mit Lebenslügen klarkommen muss und daran scheitert. An der Staatsoper Hamburg kam eine musikalisch bemerkenswerte Produktion der Belcanto-Oper „Norma“ von Vincenzo Bellini heraus – die vom Publikum lautstark abgelehnt wurde.

Was soll diese Frau machen? Es sind Kriegszeiten und da könnte sie ihre Kinder töten, um sie vor einem Leben mit ihrem Vater Pollione (einem General der Feinde) zu bewahren. Oder sollte sie ihre Kinder ihrer Freundin Adalgisa (sie ist zugleich Polliones zweite Geliebte) anvertrauen, damit sie gemeinsam mit Pollione diese ins römische Exil bringt? In solchen kritischen Situationen, wenn es um die Gefühle der Bühnenfiguren geht, überzeugt die Inszenierung der südkoreanischen, in Deutschland erfolgreich arbeitenden Regisseurin Yona Kim. In diesen Situationen gewinnen die Figuren ein Eigenleben und können uns berühren.

Problematisch an der ersten Hamburger Neuinszenierung der Norma seit sage und schreibe 99 Jahren ist die Diskrepanz zwischen Programmheft und Bühne. In einem lesenswerten Interview analysiert Yona Kim den Gehalt der Oper. Sie betont die inneren und äußeren Kriegszustände der Menschen, sie erklärt die Ängste, Rituale und Handlungen des unterdrückten Volkes, sie zeichnet Normas Weg als Führerin bis in ihren selbstbestimmten Tod auf dem Scheiterhaufen nach. Doch auf der Bühne ist von dieser gesellschaftlichen Relevanz des Stücks nur wenig zu erkennen (Bühne: Christian Schmidt, Kostüme: Falk Bauer). Die Chormassen stehen viel zu oft regungslos herum, während die Statisten eher Assoziationen zu einer Psychiatrie wecken, als die Bedürfnisse eines unterdrückten, rebellischen Volkes abzubilden. Statt Gesellschaftsdrama findet hier eher ein Kammerspiel mit heutigen Menschen statt, sodass die Beweggründe für deren Verhalten zu oft unklar bleiben oder im Widerspruch zum Text stehen. Spielort für viele Szenen ist ein offener Container, unter dem (ebenfalls in einem Container) Norma ihre Kinder versteckt hält. Akustisch gelungen und eindrucksvoll ist der Bühnenhintergrund: Er besteht aus schwarzen Vorhängen, auf denen eine Art überdimensionale Graslandschaft die Natur und die Enge des Waldes andeutet.

Bellinis „Norma“ gilt als die Belcanto-Oper schlechthin, vor allem wegen der bekannten Cavatine „Casta diva“, einst ein Paradestück von Maria Callas. Bemerkenswert an der Hamburger Neuproduktion ist denn auch die musikalische Realisierung: Gastdirigent Matteo Beltrami sorgt für einen federnd leichten, in jeder Sekunde unroutinierten (Tempi!) und disziplinierten Umgang mit der Belcanto-Partitur. Die Sänger folgen ihm ebenso differenziert und zeichnen ein modernes Bellini-Bild fern von selbstverliebter Stimmpräsentation. Das Philharmonische Staatsorchester lässt seine solistischen Qualitäten und jede Menge Pianokultur erkennen, auch der von Eberhard Friedrich einstudierte Chor agiert auffallend schlank und transparent.

Großen Jubel gibt es für Marina Rebeka und ihre energiegeladene, musikalisch klug gestaltete Interpretation der Titelpartie. Zwar ist ihre Norma eher eine Lady Macbeth als eine mit Klangkultur begeisternde Belcanto-Sopranistin, doch insgesamt bewältigt sie die irrsinnigen Koloraturen ähnlich sicher wie sie typische Stilmittel des Belcanto verwendet. Mit noch mehr Wohlklang in der Stimme, aber ebenso präsent verdient sich Diana Haller als Adalgisa ebenso starken Beifall: Spannung und tolle Abstimmung prägen die gemeinsamen Szenen. Die eher undankbare Partie des Pollione meistert Marcelo Puente mit seinem robusten, kraftvollen Tenor mühelos, wobei das flackernde Vibrato eine Frage des persönlichen Geschmacks bleibt. Mit schwarzem, abgerundetem Bass sang Liang Li den Oroveso (Normas Vater), Dongwon Kang lässt als Flavio aufhorchen. Fazit: Mit solch starken Sängern und einer handwerklichen stellenweise zu schwachen Inszenierung sollte man „Norma“ lieber konzertant geben.

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