Das 17. „Explosive“ präsentiert bis zum Sonntag junges Theater in Bremen

Besser als einkaufen

Celine Bellut bei der Eröffnung von „Explosive“: Eine Arbeit über die Unvollkommenheit. Foto: Dirk Rose

Bremen - Von Rolf Stein. Kennen Sie das? Wenn etwas passiert, das sie ganz unverhofft aus dem Tritt bringt? Gar nicht unangenehm, im Gegenteil? Wenn zum Beispiel in dem leerstehenden Ladenlokal des Einkaufszentrums in Ihrer Nachbarschaft auf einmal Kinder in mehrfacher Schulklassenstärke der Eröffnung eines internationalen Theaterfestivals beiwohnen? Und das morgens um 10 in Deutschland?

Noch unwahrscheinlicher als das ist wohl nur noch, wenn es sich dabei um Tanztheater handelt. Tanztheater wohlgemerkt, das keineswegs mit theaterpädagogischem Anspruch ersonnen ist. Tanztheater, das ist schließlich eine dieser Künste, bei denen manch Erwachsener abwehrt – versteht man ja doch nicht. Gestern Vormittag um 10 Uhr ist genau das geschehen: Das „Explosive“ startete im Bremer Walle-Center in seine 17. Ausgabe. Die drei Stücke, die heute noch einmal ab 10 Uhr in Walle zu sehen sind, sind, nicht zuletzt in ihrer klug gesetzten Kombination und Reihenfolge, lehrreich, ohne didaktisch zu wirken, offen, ohne beliebig zu werden, zugänglich, ohne banal zu sein. Das beginnt mit „Performance“ von dem Hä*Wie?! Kollektiv, das die Irritation schon im Namen trägt.

„Performance“ trägt schon im Titel mehr als eine Andeutung davon, worum es in dem gut 40-minütigen Stück geht: Um die Gemachtheit des Alltäglichen geht es, die von drei Tänzern in einem formenreichen Bilderbogen analysiert wird. Es beginnt mit einem Topfschlagen und endet in halsbrecherischen Tanzeinlagen, die immer wieder nahtlos vom Bewegungsrepertoire des zeitgenössischen Tanzes zu Breakdance switchen.

Dabei dekonstruieren die Tänzer am Ende unter anderem eine kleine Mauer aus Backsteinen, auf denen dann zwei von ihnen rückwärts balancieren – mit Gießkannen, um am anderen Ende des Ziegelstegs Topfpflanzen zu gießen. Ein schillernd schönes Plädoyer für die Freiheit der Kunst, in deren Verweigerung von Funktionalität ein Schlüssel zur Selbstermächtigung liegt.

Ganz anders „JA est BI est BI est BI, version III“, ein Solo, das Celine Bellut im hinteren Teil des Ladenlokals aufführt. Medial vervielfältigt versetzt sich Bellut zu Rockmusik in eine derwischartige Kreiselbewegung, die nach ein paar Minuten wie die Musik abrupt abbricht – die Enttäuschung im Publikum ist hörbar. Ein neuer Song setzt ein, wieder begibt sich Bellut in Drehbewegungen, wieder bricht sie abrupt ab. Als Arbeit über Unordnung, Unberechenbarkeit, Unvollkommenheit bezeichnet die Künstlerin ihr Stück. Und wer vermutet hatte, dass das für das doch sehr junge Publikum dann doch ein bisschen zu viel konzeptionelle Strenge war, muss sich eines Besseren belehren lassen. Die jungen Menschen bleiben ohne Weiteres bei der Stange.

Kenji Shinohe belohnt sie anschließend mit seinem rasanten Solo „K(-A-)O“, das thematisch eine gewisse Verwandtschaft zu „Performance“ aufweist. Präzise, mit viel Witz und Tempo untersucht er tänzerisch, wie die neuen Kommunikatonswege auf unsere Ausdrucksmöglichkeiten wirken. Wie Shinohe Slapstick-Komik und Zeitkritik verschränkt, erinnert geradezu an Großmeister der populären Kulturgeschichte.

Nach den ersten Vorstellungen laden die Performer zum offenen Workshop ein. Sie müssen ihr junges Publikum nicht lange bitten. In einer Zeit, in der viele Theaterschaffende darüber nachdenken, wie man dem Theater neue Räume erschließen, neue Zuschauer gewinnen kann, hat das „Explosive“-Team um Tobias Pflug und Friederike Behrens einen Entwurf vorgelegt, wie das gehen kann. Dass Walle-Center-Managerin Jolanta Butenaite sofort offen für das Konzept gewesen sei, Theater in die Shopping Mall zu bringen, berichtet Tobias Pflug. Und die Eröffnung belohnt ihre Offenheit. Immer wieder unterbrechen Menschen den Einkaufsbummel, schauen neugierig, was da passiert. Bleiben stehen. Keineswegs nur Kinder. Der Raum ist offen, der Eintritt frei. Abends im Schlachthof zahlt jeder, was er will. Die Mauer ist weg, Schwellen gibt es nicht. Vielleicht ist es gar nicht so schwer mit der Kunst.

Explosive:

Freitag, 10 bis 13 Uhr und 14-18 Uhr, Walle-Center, ab 20 Uhr, Schlachthof; Samstag, 12-18 Uhr, Walle-Center, 19 Uhr, Schlachthof; Sonntag, 12-20 Uhr, Kulturzentrum Schlachthof; www.eplosive.bremen.de

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