Helge Letonjas „Turbulence“ befasst sich mit Verwirbelungen unterschiedlicher Art

Beschleunigung durch Druck

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Manche Dinge muss man eben doch schwarz und weiß formulieren: Szene aus „Turbulence“ von Helge Letonja.

Bremen - Dass alles fließt, wussten schon die alten Griechen. Heraklit formulierte beispielsweise, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Was etwas salopp gesagt bedeutet: Die Dinge ändern sich. Etwas komplizierter würde es wahrscheinlich Albert Baars ausdrücken, Professor der Fluiddynamik im Bereich der Bionik an der Hochschule Bremen. Baars erforscht, wie sich Strömungen verhalten. Unter Druck zum Beispiel. Wie Wasser in einem Schlauch, der in der Mitte verengt wird. Wodurch die Bewegung des Wasser sich beschleunigt.

Der Choreograf Helge Letonja hat sich davon zu dem Stück „Turbulence“ inspirieren lassen. Freilich nicht als Abbildung physikalischer Vorgänge, sondern als Versuch, im Kontakt mit Baars und dessen Studenten auch etwas über soziale Strömungen und Verwirbelungen zu erfahren.

Dabei fällt zunächst eine schräg in etwa in der Mitte des weißen Bühnengevierts stehende Traverse ins Auge, an der verschiedene Scheinwerfer befestigt sind. darunter entdecken wir bald eine Kreatur, die sich in einem schwarzen Ganzkörperoverall (Kostüme: Rike Schimitschek) zu sacht pulsierenden Sounds (Musik: Simon Goff) zu bewegen beginnt. Nach einer Weile kommt eine zweite, rundherum in Weiß gewandete Person dazu, nach und nach weitere Tänzer, während andere wieder verschwinden. Dabei beziehen sich die gesichtslosen Figuren dezidiert aufeinander, ohne dass stets klar wäre, wie. Diese Interaktionen auch als soziale zu lesen, bietet sich dabei durchaus an, wenn beispielsweise im weiteren Verlauf des gut einstündigen Abends eine sjener gesichtslosen Wesen recht robust von einer Gruppe unmaskierter Tänzer angegangen wird.

Anderswo bilden sich Konkurrenzverhältnisse ab, die im Kontrast zu individueller Wut und Verzweiflung stehen. Und manchmal umspielen sich auch zwei Tänzer wie Teilchen in einem Strudel, in dem Fliehkraft und Sogwirkung sich gegenseitig aufzuheben scheinen.

„Turbulence“ verknüpft dabei in seinem Verlauf die verschiedenen Episoden recht poetisch mit fließenden Übergängen (Lichtdesign: Timo Reichenberger). Simon Goff, der übrigens erst im April in Bremen mit einem Solo-Set und als Mitglied von Thor & Friends beim Festival „15 Jahre Sissi & Die Chinesische Wäscherei“ gastierte, setzt in seiner Musik analoge Klänge synthetisch unter Druck und generiert daraus einen spannungsreichen Soundtrack zwischen kammermusikalischer Luftigkeit und nervöser Maschinenmusik.

Das siebenköpfige Ensemble, Kossi Sebastien Aholou-Wokawui, Leila Bakhtali, Oh Chang Ik, Mariko Koh, Vincenzo Minervini, Sophie Flannery Prune Vergères und Sergey Zhukov, scheint dabei aus dem Druck, in eher kurzer Probenzeit einen Abend zu gestalten, wie das Wasser in einem Schlauch, zusätzliche Energie zu beziehen. Das Premierenpublikum dankt es mit ausdauerndem Beifall.

Ansehen:

Samstag, 20 Uhr, Dienstag 11 und 20 Uhr, Schwankhalle, Bremen.

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