Werke von Karin Arink und Reinhold Engberding im Gerhard Marcks Haus

Berührt und weggeduckt

Bremen - Von Johannes BruggaierBei Gottfried Keller bringt es ein einfacher Schneidergeselle zum vornehmen Grafen, ehe ein neidischer Nebenbuhler den Hochstapler enttarnt. „Kleider machen Leute“ heißt die bekannte Novelle über die Wirkungskraft des schönen Scheins. „Kleider machen Kunst“ ist die neue Ausstellung im Bremer Gerhard Marcks überschrieben, und es stellt sich dabei die Frage, welche Aussage mit dieser Titel-Entlehnung beabsichtigt ist.

Soll etwa auch die Kunst nichts weiter sein als die Kehrseite einer schmucken Hülle? Ist Kunst bloß eine Frage der Vermarktung?

Nein, nicht Kleider machen Kunst, sondern Menschen. Und der etwas unglückliche Titel der neuen Schau hat seine Begründung nicht in einer Kunst-Bewertung, sondern vielmehr in einer Kunst-Beschreibung. Es geht, so klärt Museumsdirektor Arie Hartog auf, um die Formsprache zweier Künstler: wahlweise um das Zusammenspiel oder den Kontrast bei Plastiken von Karin Arink und Reinhold Engberding.

Hartog hat die beiden „Außenseiter der zeitgenössischen Bildhauerei“ mit der Schau erstmals zusammengeführt. Beide haben vom jeweils anderen noch nie zuvor etwas gehört – gerade das macht freilich den Reiz derartiger Vergleiche aus. Es sind Künstler mit einem Hang zum textilen Arbeiten, und der Besucher ist eingeladen, die Exponate auf eigene Faust ihrem jeweiligen Schöpfer zuzuordnen. Lediglich ein verstecktes Kürzel führt den Ratefuchs bei Bedarf auf die richtige Fährte: „KA“ für Karin Arink, „RE“ für Reinhold Engberding.

Tatsächlich lässt sich die Identität des Künstlers nach einiger Zeit leicht von selbst erkennen. Als Übungsfeld dient dazu die Gegenüberstellung im größten Raum. Schablonen aus weißem Kunststoff sind flach auf dem Boden verteilt: fließende Konturen menschlicher Körper, eine Hand, ein Arm, Andeutungen einer weiblichen Brust. Es sind filigrane, sanft geschwungene Formen, die hier schwer darniederliegen. Während darüber zwölf schwarze Stoffsäcke vom Aussehen eines Tiermagens leicht und luftig im Raum schweben, als handelte es sich um Vogelfedern.

Das ist das Geheimnis der Bildhauerei: dass Schweres leicht erscheinen kann und Leichtes schwer. Dass tote Materie souverän über den Spuren des Lebens schweben kann – wenngleich es dafür einer an der Decke befestigten Schnurkonstruktion bedarf.

Es ist ein eindrucksvolles Bild, das sich aus dieser schlüssigen Synthese zweier unterschiedlicher ästhetischer Ansätze ergibt. Ein Bild, dessen Kontrast aus Schwarz und Weiß, leicht und schwer, Leben und Tod durch eine eigentümliche Plastik an der Rückwand des Raumes überbrückt wird. Dort nämlich liegt ein froschähnliches Wesen rücklings auf dem Boden, so als sei es ihm allein gelungen, sich aus dem Schablonendasein in die dreidimensionale Existenz empor zu kämpfen. Seine langen Beine ragen steil in die Höhe: ein gequältes Dasein zwischen Schwere und Leichtigkeit.

Das Lebende ist Sache von „KA“, also Karin Arink, wobei statt des Lebens selbst meist bloß seine Spuren vorzufinden sind. Etwa bei ihrem „rot-schwarzen Paar“: die Hüllen zweier hundeähnlicher Wesen, die offenbar vor nicht langer Zeit beschlossen haben, sich gemeinsam einer Häutung zu unterziehen. Oder bei „x-pand (your self)“, einem auseinandergeschnittenen und gefalteten Kleid, das nun x-förmig im Raum hängt: Ein Bild neben an verweist auf den Bewegungsakt, der diesem Exponat vorausgegangen ist. Reinhold Engberding dagegen lässt PVC-Rohre als eine Art Mobile für Wasserinstallateure von der Decke hängen, schwarze Häkelwolle sorgt für die nötige Stabilität.

Bewegt man sich durch die Räume des Gerhard-Marcks-Hauses, so heißt es in einem begleitenden Podcast von Tim Schomacker, dann ergänze man beim Betrachten automatisch die Anordnung der Objekte von Karin Arink und Reinhold Engberding: „Man sieht, wo und wie sich die Arbeiten der beiden berühren und wo sie sich voneinander wegducken.“ Von einer solchen Berührung allerdings kann nur im zentralen Raum dieser Ausstellung die Rede sein. Nach weiteren Verknüpfungen sucht man vergebens, die jeweiligen Formsprachen stehen beziehungslos nebeneinander.

Immerhin: Für einen kurzen Moment – oder besser für einen großen Raum – wächst tatsächlich zusammen, was niemand als zusammengehörig vermutet hätte. Dafür allein hat sich Arie Hartogs Experiment gelohnt.

Vom 21. August bis 6. November im Gerhard Marcks Haus Bremen. Öffnungszeiten: Di. bis So. 10-18 Uhr.

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