Juli Zehs „Corpus Delicti“ in Hannnover

Berührt nicht

Gefolterte Märtyrerin: Mia Holl (Rebecca Klingenberg) trauert um den Bruder, der Journalist (Hagen Oechel) sorgt sich scheinbar um ihr Wohlbefinden. ·
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Gefolterte Märtyrerin: Mia Holl (Rebecca Klingenberg) trauert um den Bruder, der Journalist (Hagen Oechel) sorgt sich scheinbar um ihr Wohlbefinden. 

Hannover - Von Jörg Worat. Ein angesagter Text, ein ganzes Bündel hochaktueller Themen, gute Darsteller und gekonnter Multi-Media-Einsatz: Alle Zutaten waren gegeben, um aus Juli Zehs „Corpus Delicti“ im voll besetzten Schauspielhaus einen besonderen Theaterabend zu machen.

Warum also reagierte das sonst sehr begeisterungsfähige hannoversche Premierenpublikum vergleichsweise zurückhaltend? Nun, vielleicht hat sich Regisseur Lars-Ole Walburg bei diesem heiklen Stoff in der Wahl des Abstraktionsgrades vergriffen.

Wir schreiben das Jahr 2057. Gesundheit ist nicht mehr nur erwünscht, sondern staatlich verordnet: Genussgifte sind tabu, Körperwerte müssen regelmäßig eingereicht werden, die Partnerwahl unterliegt immunbiologischen Kriterien, psychische Auffälligkeiten bedürfen einer Überprüfung.

Die Biologin Mia Holl hegt keine Zweifel an der Richtigkeit dieser Prinzipien – bis ihr Bruder des Mordes an einer jungen Frau bezichtigt wird und sich im Gefängnis umbringt. Ihre widerspenstigen Reaktionen bringen schließlich das gesamte System ins Wanken.

Das klingt nach Science Fiction und ist doch beklemmend nah am Hier und Heute. Wo genau verläuft die Grenze zwischen staatlicher Fürsorge und Bevormundung? Welchen Überwachungsmaßnahmen sind wir denn jetzt schon ausgeliefert (als die Autorin das Stück 2007 schrieb, konnte sie von den jüngsten Enthüllungen noch nicht einmal etwas wissen)? Und welche Rolle spielt bei alledem der Journalismus (bei Juli Zeh nimmt ein Vertreter dieses Berufszweigs entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Geschehens)?

Regisseur Walburg stand vor dem Problem, eine Balance zwischen den privaten und politischen Ebenen zu finden. Dass er teils spielerische, teils erzählerische Elemente wählt, ist schon von daher nachvollziehbar, dass die Autorin selbst beide Fassungen geschrieben hat, und ermöglicht bei Bedarf legitimerweise eine gewisse Distanz. Auch der massive Einsatz von Videos, gern live gedreht, oder die Einbindung eines munteren Popsongs wirken angesichts der Thematik keineswegs wie Selbstzweck.

Allerdings möchte man den Figuren doch folgen können, und eben das macht Walburg, ohnehin nicht der emotionalste Regisseur unter der Sonne, dem Zuschauer schwer. Da ist der systemtreue Journalist (Hagen Oechel) vor allem schmierig, die Richterin (Sarah Franke) eine waschechte Karrieremaus, der Staatsanwalt (Rainer Frank) ein tumber Fiesling. Gegenüber diesen Abziehbildern wirkt wiederum gerade die Hauptfigur seltsam diffus, wofür Darstellerin Rebecca Klingenberg gar nichts kann: Die Regie schafft es nicht, die Entwicklung dieser Figur von der trauernden Schwester, die nur in Ruhe gelassen werden möchte, zur gefolterten Märtyrerin nachvollziehbar zu machen. Am leichtesten kann noch Lisa Natalie Arnold punkten, die als fleischgewordene Phantasiegestalt „Ideale Geliebte“ ungehemmt sagen darf, was sie denkt – schön wäre es allerdings, wenn die Darstellerin das etwas weniger vernuschelt tun würde.

Nie geht es bei Walburg ohne mindestens eine Szene ab, die Theater deutlich als Theater erkennbar macht. Doch diesmal vergaloppiert er sich: Wenn der tote Bruder (Sebastian Grünewald), die Bühnenrequisiten als ebensolche beschimpfend, in den Zuschauerraum herabsteigt und überpathetisch Wahrhaftigkeit einfordert, wird das gleichsam zur Ironisierung einer Ironisierung. Es erheitert, beeindruckt sogar möglicherweise, aber – und das bleibt letztlich das Dilemma des gesamten Abends – es berührt nicht.

Kommende Vorstellungen: am 19., 22. und 25. März, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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