Berührungen aus Jahrhunderten

Ausstellung „Berührend“: So nah und doch so fern

„Berührend“ dreht sich um ein hochaktuelles Thema Berührungen.
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„Berührend“ dreht sich um ein hochaktuelles Thema - unter anderem mit Robert Mapplethorpe, „Embrace“.

Bremen – Es ist ein eigentümlich zwiespältiges Entrée: „Stanze di Raffaello 2“ heißt die Fotoarbeit von Thomas Struth, die das Publikum der Ausstellung „Berührend. Annäherung an ein wesentliches Bedürfnis“ begrüßt. Zu sehen ist eine Szene aus den Vatikanischen Museen – ganz offensichtlich in Vor-Corona-Zeiten.

Dicht gedrängt steht das Publikum dort, wo einst nur Papst und Kurie Zugang hatten. Mag es Struth um die Diskrepanz zwischen einstiger Exklusivität und massenhafter neuzeitlicher Nutzung gegangen sein, mag einem das Bild heute utopisch erscheinen – oder, je nach Standpunkt, als Schreckensvision. So viele Menschen, so eng zusammen.

Dass der Mensch ein soziales Wesen sei, ist eine Binsenweisheit. Dass aber die Berührung durch andere Menschen nicht nur angenehm sein kann, sondern geradezu lebenswichtig ist, hat uns nicht zuletzt der Umgang mit der Coronakrise gelehrt, in der Abstand und die Reduktion von Kontakten zur Norm geworden sind. Dass sich mit dem Paula Modersohn-Becker Museum nun ausgerechnet eine Institution dem Thema Berührung widmet, in der das Berührungsverbot auch ganz ohne Corona geradezu sprichwörtlich ist, liegt in der Natur der Sache. Und ist zugleich eine produktive Verdopplung der Distanz, die in den Kunstwerken auf vielfältige aufgehoben wird.

Cornelia Schleime, „Der Kuss“

Wobei es dann doch eine Ausnahme gibt: Eigens zum Erfühlen geschaffen ist das 3D-Relief von Paula Modersohn-Beckers „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ (1906), das der Produktdesigner Peter Schwartz im vergangenen Jahr für das Museum in Eichenholz gefräst hat. Im gleichen Raum allerdings kann sich der Besucher auch einen Stromschlag holen, wenn er „Das Buch der Berührungsängste (Mimose/Mimese)“ (1976/78) von Timm Ulrichs anfassen sollte. Was man sozusagen müsste, um die in Blindenschrift darin formulierte Warnung zu lesen: „Noli me tangere“ – berühr mich nicht!

Nun ist das Bedürfnis, zu berühren und berührt zu werden, die eine Sache. In der neuen Ausstellung in der Böttcherstraße werden nicht nur diese wünschenswerten Varianten der Berührung ausgelotet. Dass eine Kunstschau über die Berührung kaum ohne Valie Exports „Tapp- und Tastkino“ denkbar sei, erklärt Linda Günther, die die Ausstellung mit Museumsdirektor Frank Schmidt kuratiert hat, bei einem Besichtigungstermin für die Presse. Export hatte 1968 in der mit der Filmkamera dokumentierten Aktion den männlichen Voyeurismus ausgestellt – indem sie Münchner Passanten aufforderte, durch einen vor ihre Brust geschnallten Kasten ihren Busen zu betasten. Auch das Performing-Arts-Duo Marina Abramovic und Ulay befasst sich auf eine sehr handfeste Weise mit Berührungen: In „Light/Dark“ (1977) sitzen die beiden einander und ohrfeigen sich abwechselnd. Berührung kann eben auch gewaltvoll sein, in diesem Falle einvernehmlich, im Falle der „Susanna im Bade“, die in der Ausstellung gleich nebenan hängt, gemalt von einem unbekannten italienischen Meister aus dem 17. Jahrhundert. Susanna droht in dieser Szene eine Vergwaltigung durch zwei alte Männer.

Stephan Balkenhol, „Tanzende Paare“

Und manchmal ist es ja auch eine erwünschte Berührung, die nur Außenstehenden nicht gefällt – wie die Umarmung der beiden Männer, die der Fotograf Robert Mapplethorpe 1982 festgehalten hat. Sie zeigt nicht nur ein homoerotisches Begehren, sondern auch das zwischen einem Schwarzen und einem Weißen – und wer meint, dass das im Jahr 2020 kein Problem mehr sei, muss sich nur an die jüngsten Fälle von Polizeigewalt nicht allein in den USA erinnern.

Der inhaltliche Bogen, den „Berührend“ schlägt, ist also weit – und überspannt zugleich einen enormen Zeitraum: Das älteste Exponat ist ein um das Jahr 1300 entstandenes Löwen-Aquamanile aus der Sammlung des Roselius-Museums, die jüngsten Arbeiten stammen aus dem vergangenen Jahr, was eine facettenreiche, anregende und kurzweilige Beschäftigung mit diesem Thema erlaubt, das uns so nah und derzeit zugleich doch so fern ist.

Sehen

Ab Samstag, bis 24. Januar 2021, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen.

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