Bernd Schroeders Roman über das Dasein im Schatten der Familienmitglieder

Sie bestimmen unser Leben

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Wenn man sich bei der Familie auf eines verlassen kann, dann auf die Behauptung, dass man sich auf sie verlassen könne. „Wir sind doch alle da“, lautet das Sprüchlein, das der unverhofft in Not geratene Vetter, Schwager oder Sohn gemeinhin zu hören bekommt – hervorgebracht im Gestus des ritterlichen Beistands, als seien damit schon alle Probleme behoben. Dabei möchte man auf diese verbale Beruhigungspille nicht selten mit einem trotzigen „Ja eben“ antworten: „Wir sind doch alle da“ entpuppt sich in vielen Fällen als Drohung. - Von Johannes Bruggaier.

Auch in Bernd Schroeders kleinem Roman sind „alle da“. Der Opa, die Oma, Mama und Papa: alle wollen ihm helfen, dem Teenager Benny, der seit einem Unfall im Krankenhaus liegt. Aber da lässt sich nicht viel helfen bei einem Leben, das sich im Koma abspielt. Mut zusprechen immerhin, das ist möglich. „Dein Opa verlässt dich nicht“, versichert der Opa deshalb dem Unglücksvogel. Das stärkt, das gibt ein gutes Gefühl – vielleicht nicht unbedingt dem Jungen selbst, aber wenigstens dessen Fürsprecher. „Nun weiß der Junge wenigstens, woran er ist“, lobt sich der Großvater für seine gute Tat: „Nun weiß er, dass man sich um ihn kümmert.“ Wenig später wandert er nach Mallorca aus.

Reichlich ungelegen kommt dieser Unfall der Mutter, gerade jetzt, wo sie sich doch mit ihrem neuen Partner ein neues Leben aufbauen will. Da wäre es doch nur passend, wenn sich endlich einmal der Vater des armen Kindes annähme, doch der hat alle Hände voll zu tun, das Schwarzgeld der Familie aus der Schweiz über die Grenze zu schmuggeln.

Ein jeder hat sein Päckchen zu tragen in Schroeders Panoptikum der familiären Charaktere, und ein jeder ist mit ebendiesem Päckchen schnell zur Hand, wenn es darum geht, eine Rechtfertigung für lupenreinen Egoismus zu finden. Dann gelten Bennys Mutter die Eskapaden ihres Ex-Mannes als Begründung, um im fernen Berlin ein neues Leben zu beginnen, ohne womöglich schwerbehinderten Sohn. Der Ex-Mann wiederum bezieht aus dieser Entscheidung die Legitimation, sich seinerseits aus dem Staub zu machen. Und Opa Ferdinand ist sowieso der Meinung, er müsse sich irgendwann „auch einmal um sich kümmern, denn so gehe das mit seinem Leben nicht weiter“.

Dass irgendwann eben doch nicht mehr „alle da“ sein werden, zeichnet sich früh ab in diesem Roman, wie überhaupt das Grundprinzip des Decouvrierens familiärer Egoismen von Anfang an verstanden ist. Auf 175 Seiten allerdings, erzählt in achtzig Kapiteln wie eine schmissige Nummernrevue, läuft dieses Werk nicht Gefahr, langatmig zu werden.

Familienmitglieder, heißt es im Klappentext sinngemäß, sind Menschen, die sich keiner aussucht, die aber trotzdem „für jeden das Leben bestimmen“. Dazu, diesem Umstand mit ein wenig mehr Gelassenheit zu begegnen, leistet Schroeders kleiner Roman einen unterhaltsamen Beitrag.

Bernd Schroeder: „Wir sind doch alle da“, Roman, Hanser Verlag: München 2015; 176 Seiten; 18,90 Euro.

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