Emanzipation und Eleganz: Die Malerin Julie Wolfthorn auf dem Barkenhoff

Berlins Porträtistin

Julie Wolfthorn: Mädchen mit blaugrünen Augen, 1899. ·
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Julie Wolfthorn: Mädchen mit blaugrünen Augen, 1899. ·

Worpswede - Von Rainer Beßling. Der Bezug zu Worpswede beschränkt sich auf ein kurzes Gastspiel: Im Sommer 1896 besucht Julie Wolfthorn (1864-1944) die Künstlerkolonie, äußert sich aber nicht unbedingt euphorisch über ihre Eindrücke: „Kleine schmutzige Bauernkinder animieren mich nicht.“

Dass der Barkenhoff im Rahmen des Sommerausstellungsprojekts „Malerinnen im Aufbruch“ Wolfthorn dennoch eine Einzelschau widmet, macht aus vielerlei Gründen Sinn. Erstens bietet das Schaffen der den Kunstmetropolen der frühen Moderne zugewandten Malerin die ideale Referenz, die Kuratoren bei der angestrebten „Kontextualisierung“ des Künstlerdorf-Ertrags benötigen. Zweitens dokumentiert Julie Wolfthorns Vita große Konsequenz in der Entscheidung für eine künstlerische Laufbahn, in der Vermarktung und Vernetzung sowie in der steten Weiterentwicklung des Werkes. Drittens kommt ihr als Mitbegründerin der Berliner Secession und des Frauenkunstverbands eine herausragende Rolle in der Kunst- und Kulturpolitik zu. Und nicht zuletzt weisen ihre Werke eine große Qualität auf. Sie kann sich darin mit vielen ihrer männlichen Kollegen mühelos messen. Zugleich werfen einige ihrer Bilder die Frage auf, ob es nicht doch einen spezifischen weiblichen Zugang und Darstellungsmodus gibt, und zwar wenn es sich um das Sujet des Frauenbildnisses handelt.

Wie viele andere ihrer malenden Zeitgenossinnen startet die aus Westpreußen stammende Wolfthorn ihre Lehrzeit in München und nimmt dann Unterricht an der Pariser Privatakademie Colarossi. Ihre Lehrer während ihres Frankreich-Aufenthaltes von 1892 bis 1895 sind der renommierte Porträtist Gustave Courtois und der Porträt- und Dekorationsmaler Edmond Aman-Jean. Dessen „tonfeines, musikalisch abgestimmtes, stumpfes und zugleich gesättigtes, auf das Dekorative gehende Kolorit“ hat seine Schülerin offenkundig stark beeinflusst, wie es im Katalog zur Oldenburger Ida-Gerhardi-Ausstellung (2012) heißt, der auch Wolfthorn einen Beitrag widmet.

Dies lässt sich nun an der von Beate Arnold kuratierten, ebenso ansprechenden wie informativen Barkenhoff-Schau an vielen Exponaten bestens nachvollziehen. Der Pariser Einfluss – Salonmalerei, Eindrücke vom Boulevard, impressionistische Farbauffassung, Abstrahierungsansätze – ist hier ebenso ablesbar wie der Nachklang von Ausflügen in die ländliche Umgebung der Pariser Hauptstadt. Mit einigen Landschaften zeigt sich Wolfthorn in der Tradition der Barbizon-Künstlerschaft. Ihre besondere Stärke aber, dafür ist sie schon zu Lebzeiten berühmt, liegt in ihrer eleganten Porträtmalerei. Darin lotet sie ein breites Spektrum aus: vom akademischen Gestus, der malerische Meisterschaft und sensible Persönlichkeiterfassung belegt, bis zur Erforschung von Farbklängen und freierem Konturenspiel. Dieses zeigt die eindrucksvolle, zwischen dynamischem Ausdruck und Innenschau pendelnde „Bildnisstudie Blauer Hut“.

Von 1895 bis 1942 ist Berlin der Lebensmittelpunkt der Malerin. Die Porträts, die in dieser Zeit entstehen, zeigen zentrale Protagonisten der Berliner Gesellschaft und Kulturszene und dokumentieren darüber hinaus die Einbindung der Künstlerin in den urbanen Kulturbetrieb. Im Barkenhoff ist neben einem Porträt des Anarchisten Gustav Landauer ein eindrucksvolles Bildnis von Ida Dehmel zu sehen, der Begründerin der „Gedok“, der Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen. Wolfthorn unternimmt zahlreiche Reisen, arbeitet in den Niederlanden, in Belgien, der Schweiz, in den Künstlerkolonien Dachau und Schreiberhau wie auch auf Hiddensee, in der Worpsweder Schau in einem reizvollen Bilderkomplex dokumentiert. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ist die gebürtige, aber assimiliert lebende Jüdin Wolfthorn vom öffentlichen Leben und Ausstellungsbetrieb ausgegrenzt. Am 28. Oktober wird sie zusammen mit ihrer Schwester Luise in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie am 29. Dezember kurz vor ihrem 81. Geburtstag stirbt.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist Julie Wolfthorns „Mädchen mit blaugrünen Augen“ (1899), in dem in Anlehnung an Symbolismus und Jugendstil eine besonders eindringliche, zugleich intime und diskrete Darstellung junger Weiblichkeit gelingt. Die zart gezeichneten Züge des Mädchens bringen Offenheit, Neugier, Zugewandtheit und Souveränität zum Ausdruck. Wenn sich erotische Konnotationen aus diesem Bildnis herauslesen lassen, dann sind sie von selbstbewusster Weiblichkeit bestimmt. Der Blick des Mädchens dürfte jene männliche Schaulust abprallen lassen, die vorzugsweise Maler zu Wolf thorns Zeiten bedienen.

Barkenhoff, Worpswede,

bis 13. Oktober. Täglich

10-18 Uhr. Eintritt: 6 Euro

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