Krabbel aus dem Fenster: Kate Newby schließt in Bremen Kunstraum und Stadtraum kurz

So bereit und so direkt

Rampe und Korridor: Die Neuseeländerin Kate Newby baut die Bremer GAK um.

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Die Pressekonferenz in der Bremer Gesellschaft für Aktuelle Kunst war auffällig kurz. Ein sicherer Indikator für eine übersichtliche Zahl von Ausstellungsstücken und eine überschaubare Menge an Erklärungsbedarf.

In der Formulierung von GAK-Direktorin Janneke de Vries hörte sich das so an: „Die Künstlerin arbeitet sehr direkt.“ Will wohl sagen, die Werke der Neuseeländerin Kate Newby erschließen sich ohne großen Umweg. Das kann man so sehen.

Was das Publikum antrifft, ist in der Tat weder besonders spektakulär noch rätselhaft. Ortsbezogene Installationen, die den veränderten Galerieraum selbst zum neuen visuellen Ereignis befördern, gehören inzwischen zum guten Bild und werden auch in der GAK immer wieder gern genommen.

Kate Newby hat nun in der hinteren Hälfte des schlauchartigen zentralen Galerieraumes einen neuen Fußboden eingezogen, eine sanft ansteigende Rampe, die dem Besucher das Gefühl vermitteln könnte, er betrete eine Bühne. Ein bisschen wird er dadurch selbst mit in die Raumverwandlung genommen. Auf jeden Fall muss er den neuen Estrich besteigen, um zu sehen, was dieser im formbaren Zustand alles aufgedrückt bekommen hat: Kronkorken, natürlich Beck‘s, aber auch Heineken. Kiesel- und halbedle Steine – der Künstlerin sei das Schrammen am Kitsch durchaus recht, erfahren die Journalisten. Fuß- und Handabdrücke sowie Fußspuren dokumentieren den Entstehungsprozess, sollen aber sicher auch auf betretene Beläge und damit Alltagsspuren außerhalb des Kunstraums verweisen. Der blaue Anstrich des Bodens tut ein übriges, einen Bezug zur benachbarten Weser und zum gelegentlich wolkenlosen Himmel zu suchen.

Auch ohne den Ausstellungstitel „Crawl Out Your Window“ als Appell zu nehmen, würde der Besucher an die GAK-Fensterfront mit Flussblick treten. Eine Hälfte hat die Künstlerin mit einem Laken und gelber Wandbemalung zu einem Korridor umgebaut. Das Tuch wurde im übrigen in der Wümme gewaschen – die neuseeländische Künstlerin hielt sich während des Installationsprozesses in Worpswede auf. Außerdem trägt das Laken Spuren des Alltags der dortigen Künstlerdorf-Stipendiaten: Rotwein, Barbecue. Picknick, Frühstück.

Das Tuch mit dem direkten malerischen Abdruck künstlerischer Wirklichkeit im Rücken, blickt der Besucher nun nach draußen, sieht die Aufschrift „TRY TRY“ an der gegenüberliegenden Ufermauer, ein Echo auf Lawrence Weiners Weserburg-Basis-Satz, und weiter aus dem Fenster gebeugt neben einem riesigen Knochen – sanfte Warnung, dem Titel nicht Folge zu leisten – auffällige Steine auf der Buhne. „Sleeping“, „Saturday Morning“, „Windy“ ist darauf unter anderem zu lesen, Verweise auf ein Merkmal des Ortes und auf Anker des Alltags. Mit Steinen und Fensterblick, dem Exponat als Parcours und Spurenfänger sind Außen- und Innenraum so eng verschweißt.

Für den Brückenschlag zu einer weiteren Arbeit in einem Nebenraum braucht es wohl einen größeren Verknüpfungsaufwand. Dort ruht ein Teppich, genauer gesagt ein Stück niedrigpreisiger Auslegware, das in großen schwarzen, ein wenig nachlässig, rotzig gesetzten Lettern den Satz trägt: „I‘m so ready“. Das Adverb trägt im Englischen nicht die zweite Bedeutung finaler Erschöpfung, auch die Schlusssentenz eines bekannten Italienischen Fußballtrainers wird nicht zitiert. Hier ist der Zustand energiegeladener Bereitschaft gemeint: „Ich bin sowas von bereit“. Wer von uns kennt nicht diese Empfindung auf der heimischen Auslegware, die so zur Startrampe für den Aufbruch in die Welt mutiert – und da hätten wir ihn doch, den Brückenschlag zur zentralen Rampe und zur Wirklichkeit draußen.

Kate Newbys Kunst ist auf eine äußerst angenehme Art direkt, unspektakulär und materialbewusst. Man kann sich in den Prozess der Aneignung und Verwandlung des Raumes, in die Erkundung lokaler Spezifika hineinfühlen und nimmt nicht nur das Bild eines veränderten Galerieraumes, sondern auch die Lust an der Umformung von Lebens- und Kunstraum zu Tableaus, Kulissen und Bühnen mit.

Die Ausstellung wird heute um 19 Uhr eröffnet und ist bis zum 7. November zu sehen. Zu den traditionellen Begleitabenden am 1. und 3. Donnerstag des Monats wird die Künstlerin anwesend sein. Es gibt Führungen, Vorträge, einen Bluesvortrag und eine Performance.

http://www.gak-bremen.de

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Meistgelesene Artikel

„Wissen diese, was sie sagen?“: Frei singen mit Ernst Jandl

„Wissen diese, was sie sagen?“: Frei singen mit Ernst Jandl

„Wissen diese, was sie sagen?“: Frei singen mit Ernst Jandl
Schönheit in die Wirklichkeit tragen

Schönheit in die Wirklichkeit tragen

Schönheit in die Wirklichkeit tragen
Die Welt des Comics: Ziegelsteine für Verehrer

Die Welt des Comics: Ziegelsteine für Verehrer

Die Welt des Comics: Ziegelsteine für Verehrer
„Neunte Kunst“: Vielfältige Comics und Graphic Novels aus aller Welt

„Neunte Kunst“: Vielfältige Comics und Graphic Novels aus aller Welt

„Neunte Kunst“: Vielfältige Comics und Graphic Novels aus aller Welt

Kommentare