„Benutzt, verwickelt, verführt“

Marco Storman inszeniert Alban Bergs „Lulu“ am Theater Bremen

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„Lulu setzt sich aus Puzzleteilen männlicher Fantasien zusammen“, sagt Regisseur Marco Storman. In Bremen wird sie von Marysol Schalitt (vorn) verkörpert.

Bremen - Von Ute Schalz-laurenze. Als Alban Bergs zweite Oper 1937 in Zürich unter der Leitung von Erich Kleiber uraufgeführt wurde, war sie unvollendet. Die Aufführung war ein großer Erfolg, erst 1953 erfolgte die deutsche Erstaufführung in Essen. Berg schrieb das Libretto nach der 1913 erschienen Tragödie „Lulu“, die Frank Wedekind schon aus seinem „Erdgeist“ (1895) und „Die Büchse der Pandora“ (1902) zusammengestellt hatte: Den Text des deutschen Dichters behielt er weitgehend bei. Der Aufstieg und Fall einer Kindfrau und Sexgöttin provozierte einen Skandal beim bürgerlichen Publikum. Das Stück wurde verboten. „Lulu“ zählt gleichwohl heute zu den großen Opern des 20. Jahrhunderts. Am Theater Bremen inszeniert das Werk Marco Storman, der dort schon Aufsehen erregte mit seinen Arbeiten „Parsifal“, „Candide“ und „Peter Grimes“.

Herr Storman, Alban Bergs Lulu klagt an einer Stelle „Mensch sieh mich an!“ und bezeichnet sich als „ein Tier“, so wie sie der Tierbändiger im Prolog auch vorstellt. Sie hat sich immer angepasst: „Ich habe nie etwas anderes sein wollen, als man von mir verlangte“. Wer ist diese Frau?

Das Stück trägt zwar den Titel „Lulu“, aber trotzdem hat man den Eindruck, dass die Figur, die sich hinter diesem Titel verbirgt, eine Schimäre ist, die aus Puzzleteilen männlicher Fantasien entstanden ist. Autor wie Komponist des Werkes sind Männer. Das Inszenieren des Stückes wird zum Problem, wenn man es gänzlich aus Lulus Perspektive heraus zu erzählen versucht, da man so nur oberflächliche Bilder produzieren oder reproduzieren würde. Denn genau dieser Vorgang der Konstruktion eines begehrenswerten weiblichen Wesens ist auch Thema der Oper. Jede der sie umgebenden Figuren schafft sich eine Lulu nach Belieben und entwirft ein Bild von ihr. Der reine Wesenskern der Lulu verbirgt sich, er versteckt sich hinter Spiegelungen des männlichen Begehrens.

Das Porträt der Lulu zieht sich als Thema durch das gesamte Stück. Was hat das für Sie zu bedeuten?

Es beschreibt genau dieses Mosaik der Bilder, aus denen sich Lulu konstruiert. Das Dilemma ihrer Figur liegt darin, dass sie sich immer zu einer Zuschreibung verhalten muss. Jeder Mann gibt ihr einen anderen Namen, jeder sieht in ihr nur, wonach er sich sehnt. Gerade weil sie den Mechanismus bei uns aber von Anfang an offenlegt, gewinnt sie eine unglaubliche Kraft: Sie zeigt, wie man benutzt, verwickelt, gefällt, verführt und sie berührt uns in ihrem Kampf gegen diese Widerstände. Wissen bedeutet Macht und auch Leichtigkeit. In unserer Inszenierung muss sie sich nicht in ein Korsett hineinbegeben und es aushalten. Lulu heute zu erzählen, bedeutet für mich, sie nicht als Opfer zu zeigen, sondern ihre Stärken herauszuarbeiten. Uns geht es eher darum, Dr. Schön den Spiegel vorzuhalten und das Bild des Mannes zu dekonstruieren.

Marco Storman Foto: Rachel Israela

Noch einmal: Spielt es eine Rolle, dass diese Hauptfigur, die ja für alle Männer nur Tod um sich herum sät, von zwei Männern - Wedekind und Berg - erdacht wurde?

Wir haben uns deshalb entschieden, das Stück aus der männlichen Konfrontation heraus zu erzählen und Dr. Schön als Stellvertreter-Autor und Stellvertreter-Mann zu etablieren. Er scheint der erste gewesen zu sein, der sich das Bild der Lulu geschaffen hat, er hat ihr Bild am stärksten geprägt. Indem er nun Lulu auf der Bühne begegnet, wird er mit seinen Projektionen konfrontiert und begegnet in den anderen Figuren Variationen seiner selbst.

Die homosexuelle Gräfin Geschwitz, vielleicht die einzige, die Lulu wirklich geliebt hat, hält Wedekind selbst für seine heimliche Hauptfigur. Was meint er damit?

Der wirklichen Liebe würde ich widersprechen. Wie bei allen Figuren geht es auch bei der Geschwitz um die Liebe des sich selbst Vergewisserns, um Selbstliebe. Bei ihr wird es aber selbstzerstörerisch. Sie löscht sich aus. In ihrer unterdrückten Liebe wird sie zu einem provozierenden Spiegel Dr. Schöns.

Sowohl das Stück als auch die Musik sind ja ein oft harter Wechsel von Tragödie und Groteske, Theodor W. Adorno hat die Ermordung von Dr. Schön als einen „Sketch mit Exzentrikclowns“ bezeichnet. Wie arbeiten Sie mit solcher Stilvorgabe, die ja auch die geradezu magische Musik in ihrer bestechenden Heterogenität zeigt?

Die schon grotesk überzeichneten Figuren wie der Athlet und der Gymnasiast wirken wie ein Konterpart zu Dr. Schön und Alwa, weil sie wie Fratzen und weniger psychologisch gezeichnet sind. Sicherlich betont das den zirzensischen Gedanken dieser Bühnenwelt. In unserer Inszenierung helfen diese Figuren vor allem, Dr. Schön immer weiter in seinen eigenen Angstraum zu entführen, soweit bis er die Kontrolle über sein Handeln verliert und selbst Objekt wird.

Die Premiere:

Alban Berg: „Lulu“, Oper in drei Akten. 27. Januar, 18 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen.

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