Benedikt von Peter spaltet mit „Aida“ auch in Berlin sein Publikum

Illusionen der Liebe

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Keine Lust auf den Spatz in der Hand: Radames (Alfred Kim) zieht der treu ergebenen Amneris (Anna Smirnova) die schöne Aida vor.

Berlin - Von Andreas Schnell. Es war eigentlich wie in Bremen. Zumindest wenn Benedikt von Peter Regie führte. Am Ende gab es viel Jubel – und Buhrufe satt. Nur dass die letzte Bremer Inszenierung des einstigen hiesigen Musiktheaterchefs, eine eigenwillige Fassung der „Entführung aus dem Serail“, zugleich die gründlichste Dekonstruktion der Oper an sich, dann doch beinahe einhellig beklatscht wurde.

In Berlin, zumindest aber an der Deutschen Oper, musste man die Zeitrechnung offenbar wieder auf Null stellen, so schien es. Auf dem Programm stand am vergangenen Sonntag die Premiere der „Aida“ von Giuseppe Verdi, und Benedikt von Peter hatte sich wieder einiges vorgenommen. Sein großes Thema ist bekanntlich die Liebe, die es in der Oper bekanntlich selten leicht hat. Von Peter interessiert vor allem ihre Unmöglichkeit, die das Genre standhaft demonstriert, um gleichsam das Gegenteil zu behaupten.

Verdis Spätwerk bietet neben exotischem Setting viel heroisches Potenzial – dem von Peter auf der Bühne allerdings konsequent entsagt. Zwar träumt Radames durchaus von Heldentaten, die ihm ein Leben mit Aida bescheren würden, anstelle der doch eher rustikalen, pragmatischen Ehe mit Amneris, immerhin Pharaonentochter, die ihm wiederum treu ergeben ist, aber eben eher der Spatz in der Hand als irgendetwas anderes.

Als Kammerspiel hat von Peter „Aida“ angelegt, auf karger Bühne, das Orchester sitzt hinterm Gazevorhang, der Chor ist im Publikum verteilt, König und Priester sind auf den oberen Rängen platziert und bleiben anonyme Stimmen einer anonymen Gesellschaft, die auf der Bühne mittels einer Reihe von Bildschirmen lediglich als mediale Repräsentation vertreten ist, während das altbekannte Liebesdreieck zwischen Fantasie und Praxis als kleinbürgerliches Trauerspiel verläuft, mit ein paar idyllischen Bildern des fernen Ägyptens (per Kamera auf eine Leinwand geworfen) und darauf servierten Wurststullen.

Weil sich Radames auf die eine, die mögliche Liebe nicht einlassen will, weil ihm dort das entscheidende Quäntchen Romantik abgeht, das er sich von Aida erträumt, bleibt er, der Held, ein Pantoffelheld, der sich wie Charlie Brown an seiner Schmusedecke in ein weißes Hochzeitskleid schmiegt, in dem leider keine Aida steckt. Die schwebt über die Bühne, ungreifbar, ihre Liebesschwüre und ein Kuss bleiben die Projektion von Radames‘ Illusionen.

Im Kontrast zu diesem minimalistischen Setting dreht die Inszenierung musikalisch auf: Andrea Battistoni dirigiert mit sportlichem Elan, spornt seine Musiker, die Sänger und nicht zuletzt den exzellenten Chor immer wieder zu furiosem Ausdruck an, was dem Abend eine enorme physische Wucht beschert.

Die offenbar nicht allen gefiel. Schon zur Pause setzte es etliche Buhrufe, die sich am Ende, als von Peter und sein Team für den Schlussapplaus auf die Bühne kamen, noch steigerten, durchsetzt mit begeisterten Bravos. Einhelligen Beifall gab es derweil für die Musiker, ganz besonders natürlich für die drei Hauptpartien, unter denen vor allem die beiden Frauen, Anna Smirnova als Amneris und Tatiana Serjan in der Titelrolle, begeistert gefeiert wurden, aber auch Alfred Kim, der den Radames nicht immer makellos, aber als gelungene Charakterstudie eines skrupulösen, verträumten, aber ohnmächtigen modernen Mannes im Sinne des Abends gab.

Sogar bei der Premierenfeier soll sich der Unmut über von Peters Regie lautstark geäußert haben. Die Kritik gab sich ähnlich gespalten. Ein ziemlich sicheres Zeichen, dass Benedikt von Peters Ansatz relevant bleibt, und die Erinnerung daran, wie viel sein Weggang aus Bremen wiegt.

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