Der New Yorker Saxophonist Ned Rothenberg gastierte im Bremer Sendesaal

Beleuchtungswechsel

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N. Rothenberg ·

Bremen - Von Tim SchomackerDie Atmosphäre eines Konzerts basiert auf einer Vereinbarung zwischen den Musikern und den Zuhörern. Diese Vereinbarung ist eine Konvention.

Und zwar eine äußerst hilfreiche, wenn die eine Partei gerne spielt, die andere gerne lauscht. Der unangenehme Teil der Konzertkonvention besagt: Klatscht man viel, besteht Aussicht auf eine Zugabe. Die mag sich gut anhören, wie sie will. Oft ist die Zugabe trotzdem überflüssig wie die letzte halbe Stunde auf einer CD, die nicht selten die prägnanten ersten siebenunddreißig Minuten kaputtmacht.

Dass der New Yorker Klarinettist, Bambusflötenspieler und Saxophonspieler Ned Rothenberg nach einem – seine drei Instrumente in der genannten Reihenfolge auf einander beziehenden – beeindruckenden pausenlosen Set sich gleich zu zwei Zugaben hinreißen ließ, verseichtete das Unkonventionelle dieses Konzertabends gleich doppelt. Denn einerseits hatte Rothenberg gerade mit einem (ausreichend hinreißenden) improvisierten Solo seine musikalische und instrumentale Position präzise umrissen. Einen Schnelldurchlauf seiner Entwicklung als Musiker in den vergangenen gut dreißig Jahren inklusive. Zum anderen hatte Sendesaal-Programmleiter Peter Schulze vorab nicht ohne Grund angekündigt, die Reihe „konzert im dunkeln“ verzichte aus naheliegenden Gründen auf eine Pause. Denn dunkel versteht sich hier im Sinne von „Die Hand vor Augen nicht sehen“.

Ohne besagte Zugaben wäre es die perfekte Begründung für diese Konzertreihe, die den Fokus ausnahmslos auf das Akustische verlagert. Fotograf und Notizblock haben für sechzig Minuten Pause im Sendesaal. Also aus der Erinnerung: Die seinerzeit in expliziter Auseinandersetzung mit der Tonsprache des britischen Saxophonisten Evan Parker (weiter) entwickelte Zirkularatmung, bei der das Nachatmen keine klangliche Pause nach sich zieht und Klangverschiebungen meist in wiederkehrenden Figuren über lange Dauer ermöglicht, kommt gewissermaßen ungebremst erst im dritten, im Saxophonteil zu tragen.

Der Bläserton bekommt, gerade wenn man den Spieler nicht sieht, eine plastische Qualität. Wie ein aus klaren Formen und Flächen bestehendes Objekt, dessen Gesamterscheinung sich gleichwohl bei jeder noch so kleinen Kopfbewegung komplett ändert. Eher an karge Zeichnungen erinnert Rothenbergs Bambusflöten-Spiel im mittleren Konzertteil. Zwischen den beiden klassischen europäischen Blasinstrumenten platziert, erhalten längere Einzeltöne und skizzenhaft hingetuschte Figuren mehr Leerraum. Was der Großform des Sets gut tat, weil so die immensen Distanzen zwischen den verschiedenen Materialien, durch die ja gleichermaßen Luftströme geleitet werden, hörend nachvollziehbar waren.

Zu Beginn hatte sich Rothenberg an der Klarinette auf unterschiedliche An- und Überblastechniken konzentriert, aus umbrechenden Tönen und Klappengeräuschen eine Folge rhythmisierter Miniaturen gebaut. Um dann der Klarinette in der Weiterführung einen geradezu orgelartigen Klang zu verleihen. Den abschließenden Saxophonpart beschloss Rothenberg, indem er das Instrument aus bekannten klanglichen Gefilden heraustreten ließ und so an den Ursprungsort seiner solistischen Arbeit Anfang der 1980er-Jahre erinnerte. Da hätten die Leute bei Aufnahmen des elektroakustischen Trios „Mountain Fall“ oft gefragt: „Beeindruckende Elektronik. Aber was machst Du eigentlich?“ Überzeugend über Flächen kieksendes, den Raum noch einmal anders ausmessendes Ende eines Konzert – das an dieser Stelle eigentlich hätte vorüber sein sollen.

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