Zeichnungen von Astrid Brandt in der Städtischen Galerie Delmenhorst

Belebte Büroartikel

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Lichtsuche in den 1950er-Jahren: Bleistiftzeichnung von Astrid Brandt. ·

Von Rainer BeßlingDELMENHORST · In der „Space Suite“ herrscht auf den ersten Blick klinische Kühle. Nichts regt sich im Schlafraum. Dennoch lädt ihn eine unbestimmte Spannung auf.

Das Bett drängt sich dem Betrachter in körperhafter Präsenz und präziser Zeichnung prall entgegen wie ein atmender Organismus. Eine Lampe überstrahlt dämonisch die Rückwand des sonst im Dämmerschein liegenden Zimmers. Versteckte Andeutungen machen die Liegestatt zum Liebesnest. Ein an einer Ecke auffällig ausladendes schwarzes Kissen schiebt sich auf ein weißes. Neben der erotischen Konnotation prägt eine merkwürdig morbide Stimmung das Bild.

Obwohl in den Zeichnungen von Astrid Brandt kein Protagonist auftritt, erzählen sie von Akteuren und Aktionen. „Anthropozentrisch um die Ecke gedacht“, nennt die Künstlerin ihr Verfahren. Was wohl soviel heißt wie: Auch wenn man ihn nicht sieht, geht es in ihrem Werk um den Menschen. Interieurs sowie Alltagsobjekte entfalten durch die Abwesenheit von Bewohnern und Nutzern ein Eigenleben, fungieren als Stellvertreter von Handelnden mit sinnbildlichem Potenzial und fügen sich zu Geschichten.

„Space Suite“ ist das jüngste Exponat in der Städtischen Galerie Delmenhorst, die bis zum 1. April unter dem Titel „inwendig auswärts“ rund 30 Bleistifzeichnungen der gebürtigen Bremerin zeigt. Am Fuß des Blatts ist der Entstehungszeitraum ablesbar. Es dauert Monate, bis Brandt ihre detailreichen, in feinstem Strich ausgeführten Arbeiten fertiggestellt hat. Das Ergebnis sind hyperrealistische Darstellungen, die Gegenstände überzeichnen und damit eine irritierende Spannung zwischen Vertrautheit und Fremdheit, Nähe und Distanz aufbauen. Die Kreuzung von Intimität und Sachlichkeit lässt die Dinge neu sehen.

In der Zeichnung „Limbo“ liegt ein vom Gebrauch welliger Heftstreifen vor einem Aktenordner-Rücken. Der Bügel des Streifens lässt an die Querstange denken, die Limbo-Tänzer zu meistern haben. Eine Füllerpatrone könnte für den Tanzenden stehen. Im Wort „Limbo“ steckt aber auch „Hölle“, was das Loch im Ordnerrücken neu sehen ließe. Dem narrativ-chiffrenhaften Arrangement steht die überwältigend gezeichnete Stofflichkeit der Objekte und die subtile Modellierung von Licht und Schatten, von Spiegelungen und Räumlichkeit gegenüber.

Die Künstlerin nutzt Fotografien oder reale Objekte als Vorlage für ihre Arbeiten. Ausgangspunkt für das Bild eines Gaststättenraums war die Werbebroschüre eines Zapfanlagenherstellers. Brandt bevorzugt technisch hochwertige Fotografien wegen des Graustufenreichtums, dabei nimmt sie die Charakteristika des Mediums Fotografie in die Zeichnung mit. Manchmal sind die Eingriffe minimal, die Komposition wird lediglich „begradigt“, wie die Künstlerin sagt. Häufig schlachtet sie die Interieurs in den Fotografien regelrecht aus und fügt die Versatzstücke neu zusammen.

Die Zeichnung „Tango“ ist inspiriert von einer Abbildung der Schalterhalle der Sozialabteilung im Verwaltungsgebäude der Hüttenwerke Oberhausen AG aus 1956/57. Schilder hinter Tresen vermitteln im sterilen Ambiente den Eindruck einer ordentlichen, mutmaßlich wehrhaften Marschordnung. Den Gegenständen haftet ein figürlicher Charakter an, ihre Haltung repräsentiert bürokratische Ordnung.

Poesie aus der

Präzision

Nahezu durchgängig schließen die in Delmenhorst ausgestellten Zeichnungen Astrid Brandts an die 1950er- und 60er-Jahre an. Ein Treppenhaus-Diptychon mit dem schönen Titel „Ginger und Fred“ dokumentiert charakteristische Flursituationen der Architektur dieser Epoche. Andere Interieurs beschreiben das zeittypische Streben nach Öffnung des Wohnens in Richtung Garten und Licht. Allerdings zitiert Brandt niemals konkrete historische Stilmöbel. Sie verweigert eine präzise Einordnung von Orten und Situationen. Auch in ihrer Serie „Büropartikel“, die buchstäblich an Stillleben erinnern, hält sie größtmöglichen Abstand zu herkömmlicher symbolischer Besetzung und greift auch nicht zu den hochbesetzten Sinnbildern, um die Assoziationen nicht einzuengen.

So wie sie selbst häufig erst im Laufe der Arbeit ihren Zeichnungen Chiffren und Sinnbilder anlagert, erschließen sich auch dem Betrachter nicht unmittelbar die hinter magischer Sachlichkeit verborgenen Bedeutungen. Zwar ebnen Titel wie „Nil“, wo „Krokodile“ über Millimeterpapier gleiten, einen Zugang. Aber bei einem Titel wie „Charade“ sind Umwege zu bewältigen, um Briefmarken unter einem Bleistift der gleichnamigen Kriminalkomödie mit Audrey Hepburn zuzuordnen, die um wertvolle Briefmarken kreist.

Astrid Brandt setzt ihre handwerkliche Präzision ein, um aus alltäglichen Gegenständen Poesie und Schauspiel zu entbinden und unsere Wahrnehmung neu auszurichten. Sie überwindet das Abbild nicht durch Abstraktion, sondern indem sie tief in alle Fasern der Oberflächen eindringt und damit den Gegenstand zum Wesen befördert.

Städtische Galerie Delmenhorst, Fischstraße 30, bis 1. April. Di-So, 11-17 Uhr, Do 11-20 Uhr. Eintritt: 4 Euro

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