„Katze, du bist raus!“: Das Bremer Theater schickt die Stadtmusikanten in die Casting-Show

Bekloppt ist doch nicht toll

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Briefe für die Bekloppten: Der Hahn (Christoph Rinke) studiert die Fanpost, Hund (Susanne Schrader) und Esel (Gerhard Palder) zweifeln an ihrem Verstand. ·

Von Johannes Bruggaier BREMEN · Die „Bremer Stadtmusikanten“ im Bremer Theater, das ist wie Eulen nach Athen tragen. Um allen Ernstes ausgerechnet an der Weser noch einmal die Geschichte von den vier Tieren im Wald zu erzählen, muss man entweder übergeschnappt sein oder ein geradezu teuflisch gutes Bühnenkonzept haben.

Auf Regisseur Karsten Dahlem trifft das Zweite zu. Seine Lesart erwies sich bei der Uraufführung am Sonntagabend als derart geistvoll, anrührend und ironisch, dass sich getrost vom besten Weihnachtsmärchen sprechen lässt, seit es zuletzt Hahn, Katze, Hund und Esel gelungen ist, eine Pyramide zu bilden. Und das ist verdammt lange her.

Dabei sieht es zu Beginn noch ganz danach aus, als müsste die Hansestadt vergeblich auf ihre vier Paten-Tiere warten. „Frankfurt macht glücklich“, verspricht eine Werbetafel in großen Lettern. „Hier muss man sein“ behauptet dagegen ein anderes Plakat und verweist aufs Brandenburger Tor (Bühne: Inga Timm). Weil sich die vier Freunde das nicht zweimal sagen lassen wollen, haben sie sich mit Rollkoffer und Wägelchen an die Straße gestellt. Nur weg von hier aus der langweiligen Provinz. Nach Frankfurt, München, Berlin oder irgendeine andere Glitzermetropole.

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, kräht der Hahn (Christoph Rinke mit knallroter Haarpracht, Federkleid und Krallen an den Füßen): In Berlin nämlich, sagt er, ist alles groß und bunt, das ideale Karrieresprungbrett für einen Sänger wie ihn. In München aber, wirft der Hund (Susanne Schrader mit Schlappohren, Wuschelschwanz und – natürlich – Hundeblick) ein, in München gebe es Oktoberfest und Weißwürste. Und weil auch die Katze (Alice Krimmel im Pelzkostüm) mit Frankfurt noch eine ganz persönliche Vorliebe äußert, bleibt es mal wieder am alten Esel (Gerhard Palder im grauen Fell), die Richtung vorzugeben. Er plädiert für Bremen. „Hä?“, kräht der eitle Hahn. „Wohin?“ Doch da sind Esel, Katze und Hund schon längst losgetrottet, hinein in den dichten dunklen Wald aus vom Schnürboden herabhängenden Lianen.

Sie erleben eine Menge Abenteuer in dieser unheimlichen Wildnis. Ein Bär taucht unversehens auf und sorgt für Angst und Schrecken. Den Hahn überkommt Heimweh. Und einmal steht plötzlich ein Mädchen mit roter Kappe auf der Bühne. „Du bist doch im völlig falschen Märchen!“, ruft der Hund verblüfft. „Huch!“ erwidert das Rotkäppchen da schuldbewusst und eilt ängstlich rufend davon: „Großmutter!“

Natürlich stoßen sie dann auch auf das Räuberhaus. Und dessen Bewohner sind nun wirklich Gesellen der allerübelsten Sorte. „Denk nurandich“ zum Beispiel (Helge Tramsen), ein Kerl mit flippigem Anzug und Silberkette, der sich feist auf seinem Bett räkelt. „Ich mach‘ dich fertig, du Wurst“, rezitiert er mit hämischem Grinsen: „Dich mach‘ ich alle, du Opfer!“ Und wie er das so spricht – die Tonlage, der Akzent – da muss man unweigerlich an einen bekannten Musikproduzenten aus dem Fernsehen denken. Und tatsächlich kommt auch bald „Verkaufdichgut“ zur Tür herein (Philipp Michael Börner), ein bieder vertrottelter Buchhalter. Was er zu berichten hat, ist unerfreulich, jedenfalls für Denk nurandich: die Casting-Show nämlich verkaufe sich ganz und gar nicht mehr gut, das ganze Unternehmen stehe unmittelbar vor dem Bankrott.

Was für ein Glück, dass da die vier Tiere kommen! Kurzerhand verspricht ihnen Räuber Denknurandich das Blaue vom Himmel herunter. Sie sollten ihm nur vertrauen, dann mache er sie zu Superstars. „The Crazy Animals“, das wäre doch der letzte Schrei: „Seid einfach schräg! Seid crazy!“

Dem Hund schwant Übles. „Böse Menschen seien das“, warnt er seine Freunde. Doch der Esel, dieses alterskluge Wesen, widerspricht. „Wo man singt, da lass‘ dich nieder“, sagt er: „Das können keine schlechten Menschen sein.“

Doch dann wird gleich als Erstes die Katze abserviert. „Katze, du bist raus!“, blafft Denknurandich sie kalt an: nicht schräg genug ist sie fürs TV-Geschäft, nicht crazy und zu allem Überfluss auch noch widerspenstig. Da sind es nur noch drei Stadtmusikanten statt vier.

Und die stecken bald in albernen Kostümen. Mit Eselsohren, doppelt so lang wie die echten, mit übertrieben dicker Hundeschnauze und lächerlich gelben Kükenflügeln. So treten sie auf und zwar in Bremen, womit sie schon mehr erreicht haben als ihre Grimmschen Geschwister. Aber war es wirklich das, was sie sich vorgenommen haben? Sich in Karnevalskostümen zum Playback zum Affen zu machen? Zuhause, im Fernseh-Casting-Räuberhaus, lesen sie nach der Show ihre Fanpost. „Lieber Esel!“, heißt es darin: „Von allen bekloppten Tieren bist du das Bekloppteste. Das ist toll!“

Nein, dafür haben sie nicht den weiten Weg auf sich genommen. Nicht, damit sich ein Pop-Titan mit knapper Kasse auf ihre Kosten bereichert. Nicht, um sich auf der Bühne lächerlich zu machen. Und nicht, um am Ende nur noch Chips und Hamburger zu fressen.

Es ist das richtige Leben im falschen, das sich bei dieser Casting-Show so wunderbar eindringlich offenbart: eine Freundschaft, die in einer Geschäftsbeziehung aufgehen soll, ein künstlerischer Anspruch, der dem Geld unterworfen wird.

Dass diese Diskrepanz aus Gemeinsinn und Egoismus aus Geist und Gier funktioniert, liegt in den Schauspielleistungen dieses Ensembles begründet. Wie Christoph Rinke seine Figur eitel und flatterhaft stolzieren lässt, ist nicht die schlichte Parodie eines stolzen Hahns, sondern vielmehr die Annäherung an einen Charakter mit all seinen liebenswerten Schwächen. Großartig auch, wie Alice Krimmel ihrer Katze eine charmante Form der Kratzbürstigkeit verleiht. Das tierische Quartett: Es zeigt das ganze Spektrum des zutiefst menschlichen Fühlens und Denkens. Während die Menschen dagegen sich als eigentliche Tiere erweisen. Eine Ambivalenz, die so manchem Casting-Fan die Augen öffnen dürfte.

Dass Denknurandich und seine Komplizen am Ende ihre gerechte Strafe erhalten, versteht sich von selbst. Die Hoffnung bleibt, dass es ihren realen Vorbildern bald genauso ergeht.

Weitere Vorstellungen: am 21. November um 10 Uhr, sowie am 22. November um 10 und 12 Uhr. Nachmittags: am 18. Dezember um 16 Uhr im Theater Bremen.

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