„Spuren der NS-Verfolgung“

Beitrag zur Aufklärung

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Abschrift eines Briefs von Emil Backhaus vom 17. Mai 1942 bezüglich des Rokoko-Schranks von Klara Berliner.

Hannover – von Jörg Worat. Man solle für den Besuch einer Ausstellung viel Zeit mitbringen – das ist schnell gesagt und kann zuweilen fast floskelhaft wirken. Bei der neuen Präsentation im Museum August Kestner ist die Aufforderung allerdings ohne Wenn und Aber angebracht: „Spuren der NS-Verfolgung“, im Untertitel „Über Herkunft und Verbleib von Kulturgütern in den Sammlungen der Stadt Hannover“, ist unmöglich mit einem schnellen Rundgang zu erfassen.

„Viele Menschen ahnen wohl gar nicht, wie komplex dieses Thema ist und welche Schwierigkeiten bei der Provenienzforschung immer wieder auftauchen können“, betont Simone Vogt, die zusammen mit Johannes Schwartz für das Konzept der Ausstellung verantwortlich zeichnet. „Wir haben uns dafür entschieden, Einzelbeispiele mit all ihren Facetten zu zeigen. Dabei sind zum einen schöne Exponate zu sehen, zum anderen ist jeweils der aktuelle Stand der Forschung dokumentiert. Woher stammen die Stücke, wie sind sie in die Sammlungen der Stadt Hannover gelangt? Und lassen sich heute noch erbberechtigte Personen ermitteln?“

Größe der ausgestellten Stücke spielt keine Rolle

Ob die präsentierten Stücke nun sehr klein oder sehr groß sind, spielt dabei keine entscheidende Rolle. Ein prachtvoller Rokoko-Schrank etwa gehörte einst der Hannoveranerin Klara Berliner, Nichte von Emil Berliner, dem Erfinder der Schallplatte. Sie wurde schrittweise enteignet und starb nach der Deportation 1943 im KZ Theresienstadt.

Ein anderer Ausstellungsschwerpunkt sind die Goldmünzen des Burgwedeler Arztes Albert David, der 1940 ums Leben kam, vermutlich durch eigene Hand. Und was hat es mit dem attischen Grabrelief aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert auf sich, angeblich ein Geschenk von NSDAP-Reichsleiter Robert Ley an Hermann Göring?

Natürlich gilt bei alledem das Hauptaugenmerk der hauseigenen Sammlung, wobei zwangsläufig die Person von Ferdinand Stuttmann in den Fokus rückt, ab 1933 NSDAP-Mitglied, von 1938 bis 1945 Direktor der Landesgalerie und des Kestner-Museums, schließlich zwischen 1952 und 1962 Direktor des hannoverschen Landesmuseums. Aber auch die Bestände von Stadtbibliothek und Stadtarchiv wurden unter die Lupe genommen – so manches Buch befand sich ursprünglich im Besitz von Kommunisten, Freimaurern oder Zeugen Jehovas und wurden in der NS-Zeit beschlagnahmt.

Die Aufarbeitung dieser Themen ist in der Tat alles andere als einfach. Selbst wenn ein Testament vorliegt: Ist es freiwillig oder unter Druck entstanden? Wie steht es mit der Glaubwürdigkeit von Personen, die im Nachhinein gut Freund mit den Verfolgten gewesen sein wollen? Gibt es Hinweise darauf, dass sie selbst aktive Nationalsozialisten waren und so womöglich sämtliche Erbansprüche verloren haben? Die Kuratoren behaupten demzufolge auch gar nicht, dass die vorliegenden Fälle durchweg abgeschlossen sind – da ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

Hier wurde aus der Not eine Tugend gemacht

Diese Ausstellung liefert dazu jedenfalls einen beachtlichen Beitrag, zumal sie dem Besucher auch perfide Verordnungen wie die 1938 proklamierte „Judenvermögensabgabe“ vor Augen führt und sogar eine atmosphärische Gestaltung aufweist – hier wurde nämlich aus der Not eine Tugend gemacht, indem man die zurzeit installierten inneren Baugerüste einband und mit Maschendraht verkleidete.

Es ist übrigens kein Zufall, dass die Ausstellung gerade jetzt stattfindet. Denn unlängst jährte sich zum 20. Mal die Unterzeichnung der „Washingtoner Erklärung“. Sie ist zwar rechtlich nicht bindend, doch bekundeten mit ihr 44 Staaten, auch die Bundesrepublik, die Bereitschaft, „nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut zu suchen und gegebenenfalls die notwendigen Schritte zu unternehmen, eine gerechte und faire Lösung zu finden“.

Termine:

„Spuren der NS-Verfolgung“, bis 16. Juni, Museum August Kestner, Hannover.

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