Hasti Molavian und Paul Georg Dittrich über ihr Carmen-Projekt am Theater Bremen

„Beide sind Grenzgänger, Weltenwandler“

Das Foto zeigt Paul-Georg Dittrich
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Paul-Georg Dittrich setzt sich im Theater Bremen auf eine neue Art mit der „Carmen“-Oper auseinander.

Die 1875 entstandene Oper „Carmen“ von Prosper Merimée und Georges Bizet erzählt von einer der berühmtesten und herausforderndsten Frauengestalten der Opernliteratur. Nun setzt sich am Theater Bremen ein Produktionsteam mit dem Team auf eine neue Art auseinander.

Dabei stellt die iranische Mezzosopranistin Hasti Molavian eine Konfrontation zwischen Carmen und ihrer eigenen Biografie her. Zum Team gehört auch ihr Ehemann, der in Bremen bekannte und erfolgreiche Regisseur Paul-Georg Dittrich. Wir trafen die beiden bei den Proben zu „Ich bin Carmen und dies ist kein Liebeslied“.

Frau Molavian, erzählen Sie doch bitte von dem Anfang und der Entwicklung.
Hasti Molavian: Schon als kleines Kind hatte ich von der orientalisch angehauchten Opernfigur Carmen gehört. Immer, wenn meine Eltern mit ihrem Auto versucht haben, den monströsen Teheraner Verkehr zu bändigen, begleiteten uns die Bizet’schen Klänge auf einer alten Audiokassette über das Autoradio. Schon damals zog mich die Musik der Oper in ihren Bann, und mich faszinierte vor allem die Titelfigur, die für ihre Freiheit bis über ihre eigenen Grenzen hinaus ging. Im Sommer 2018 probte Georg in Bremen „Fidelio“. Bei einem sonnigen Weser-Spaziergang spielten wir uns gedankliche Bälle hin und her. Dieses fantastische Pingpong bezog sich auf die Sehnsucht, wieder gemeinsam zusammenzuarbeiten, auf Opernstoffe, die uns interessieren, Arbeitsweisen und unsere jeweilige künstlerische Sozialisierung. So kamen wir über Umwegen auf die Idee, die berühmte Oper von Bizet mit meiner persisch-deutschen Biografie zu überschreiben.
Paul-Georg Dittrich: Bis vor der intensiven Beschäftigung mit dem Iran war das Heimatland meiner Frau ein absolutes Mysterium für mich. Ich ertappte mich immer wieder, wie oberflächliche Klischees mein Denken bevölkerten. Jetzt, wo ich dieses Land bereist habe, entlarven sich diese Klischees als westliche Gespenstergeschichten. Erzeugnisse aus Unwissenheit, die hauptsächlich nur schwarz-weiß gefärbte Vorurteile produzieren. Trotz alledem ist der Iran eine Theokratie, und die künstlerischen Beschneidungen sind immens für die dortigen Kunstschaffenden. Dies war unter anderem auch der Grund, weswegen Hasti ihre Heimat verlassen hat, um ihren Traum – singen zu können – in Deutschland zu verwirklichen. Genau an diesem Schnittpunkt kristallisiert sich eine der wesentlichen Parallelen zwischen Carmen und Hasti heraus. Beide sind Grenzgänger, Weltenwandler. Beide auf der Suche nach der individuellen Freiheit. Wie Chamäleons belauern sie ihr Gegenüber, sondieren seine Wünsche, Sehnsüchte und Vorstellungen und fangen dann an, mit ihm zu spielen. Ein waghalsiger Seiltanz zwischen Zuschreibung, Klischee und Projektion. Die Frage, die sich am Ende nur stellt, ist, wo man selbst bei diesem Spiel bleibt und vor allem, wer man eigentlich ist.
Wir haben ja die Musik von Bizet und verschiedene persische Traditionen. Wie flossen diese beiden sehr konträren Elemente in die Diskussionen und die darauffolgenden Lösungen ein?
Dittrich: Musikalisch gesehen gibt es viele Anknüpfungspunkte bei Bizet – unter anderem die Anleihen zur Zigeunertonleiter/Harmonik, um nur ein Beispiel zu nennen –, die organisch Brücken in den persischen Klangraum schlagen. Zudem sind wir nicht mit dem Ziel gestartet, die berühmte Oper eins zu eins nachzuerzählen. Es ging uns von vorneherein um eine Überschreibung. Ein Text in unserer Inszenierung lautet: „Ich übermale dein Gesicht mit meinen Träumereien, gebe meine Lügen dazu.“ Wir wollen aus dem Geist der Musik und der Handlung der Oper unser Abendland, aber auch das für uns fremde Morgenland hinterfragen und zugleich ungeahnte Einblicke ermöglichen. Im Kern geht es um das Konstruieren und zugleich Dekonstruieren von Zuschreibungen. Das ist doch das, was unser Handeln und Denken im Ursprung beeinflusst. Stichworte wie 1001 Nacht, Femme fatale, der Orient, Heimat als Unort und vieles mehr trieben uns dabei um. Bizets populäre Oper begreifen wir als kontrapunktischen Steinbruch, der in der autobiografischen Gegenüberstellung nicht nur den westeuropäischen Blick infrage stellt, sondern auch stellenweise mit musik-theatralen Konventionen bricht.
Molavian: Nach meinem Gesangsstudium in Essen war ich fünf Jahre am Theater Bielefeld im Opernensemble. Dort hatte ich das Privileg, vieles lernen zu dürfen. Aber ich habe auch schnell gemerkt, was mir künstlerisch nicht zusagte. Vor allem das „klassische“ Schubladen-Denken ist mir stark aufgestoßen. Man hat mich oft schief angeschaut, wieso eine klassische Mezzosopranistin so interessiert sei an zeitgenössischer Musik, wo man doch damit nur seine Stimme kaputtmachen würde. Auch mein Spieldrang auf der Bühne wurde oft kritisch beäugt. Im vergangenen Jahr bin ich ans Volkstheater Wien gewechselt. Nein, nicht Volksoper, Volkstheater. Das muss ich oft betonen. Ich als Opernsängerin an einem Schauspielhaus, nach 13 Jahren in einem Land wieder Neuland. Wieder und wieder eine Fremde. Als wäre es meine Aufgabe, mich im Dazwischen zu bewegen, auf wackeligem Terrain in zu kleinen oder zu großen Schuhen, die man mir übergestülpt hat, aber einfach nicht passen wollen. Ich passe nicht gänzlich in die der Opernsängerin, die der Schauspielerin, bin Iranerin, bin Europäerin, bin in Wien zuhause, bin hier fremd. Auf Wikipedia kann man neuerdings über mich lesen – wer da über mich geschrieben hat, weiß ich nicht – Hasti Molavian ist eine persisch-deutsche Mezzosopranistin und Theaterschauspielerin. Es ist nicht so, dass ich unbedingt irgendwie schräg sein will. Das schreibt man mir einfach zu.
Was hat Sie denn zu der Besetzung geführt, auf die die Zuhörer jetzt stoßen: Nur ein Klavier und Elektronik? Was ist mit Videos, dem Raum?
Dittrich: Zuerst einmal war dies eine pragmatische Entscheidung. Wir wollten ein kleines Projekt, um die Chancen einer Realisierung zu vergrößern. Tobias Schwencke spielt aus dem Klavierauszug, improvisiert aber auch viel am Klavier. Zaubert per Präparationen ungeahnte Klänge. Dazu kommt die Live-Elektronik, die noch mal ganz andere Klangsphären erschafft. Die Sensortechnik von Christopher Scheuer ermöglicht unserer Solistin zudem per körperlicher Interaktion live auf der Bühne, das Klanggeschehen zu beeinflussen, zu steuern, ja gar zu manipulieren. So gesehen haben wir drei Instrumentalisten, nebst Stimme.
Heißt das, einfach gefragt, dass sich mit diesem Handschuh ein hoher kurzer Ton von Hasti in einen tiefen langen verwandeln kann?
Dittrich: Ganz genau.
Auch der persische Sprechgesang Naghali spielt in der Inszenierung eine Rolle, welche denn genau?
Molavian: Naghali ist ein uralter persischer Sprechgesang. Eine der ersten theatralen Formen überhaupt, die überliefert sind. Untermalt durch wechselnde Trommelrhythmen, werden Legenden aus dem Königsbrief „Schahname“ von Firdausi performt. Diese Tradition wird bis in die heutige Zeit gepflegt. An diesem konkreten Beispiel haben wir versucht, eine musikalische Symbiose beider Welten zu generieren: Nagahli trifft auf Anleihen von Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“. Carmens Streben nach Freiheit... selbst bestimmen zu wollen, was man will.
Dittrich: Ist meiner Meinung nach genau der zentrale Trugschluss der Oper. Irgendwas stimmt doch nicht, wenn Carmen so oft sagen muss, dass sie frei ist. Vielmehr offenbart sie dadurch, dass sie alles andere als frei ist. Somit ist Carmen die unfreieste und am wenigsten selbst bestimmende Figur im gesamten Handlungskosmos von Bizet.
Molavian: Carmen ist immer auf der Suche. Der Weg ist ihr Ziel. Wiederum bedeutet es, dass es nie ein Ankommen geben kann.
Hasti Molavian stellt einen Bezug zwischen Carmen und ihrer eigenen Biografie her.

Sehen

Das Musiktheater-Projekt „Ich bin Carmen und dies ist kein Liebeslied“ feiert am Freitag, 19. November, um 20 Uhr im Kleinen Haus Premiere. Karten gibt es unter theaterbremen.de

Von Ute Schalz-Laurenze

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