„Nathan der Weise“ im Hamburger Thalia Theater: Nicolas Stemann und Elfriede Jelinek rechnen mit Lessing ab

Auf dem Begräbnis der Toleranz

„Da seht nun gleich den Juden wieder“: Im Kampf ums Gold stehen sich aus Stemanns Sicht die Religionen in nichts nach.

Von Johannes BruggaierHAMBURG (Eig. Ber.) · Er hält Lessing für „unkünstlerisch und zutiefst unmenschlich“, dessen Stück „Nathan der Weise“ für ein einziges „Missverständnis“ der aristotelischen Dramentheorie und findet es „unmoralisch“, selbiges auf die Bühne zu bringen. Im Hamburger Thalia Theater hat Regisseur Nicolas Stemann jetzt seine neue Produktion vorgestellt: „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing.

Man kann sie ja verstehen, die harsche Kritik am hehren Klassiker: das bemühte Moralisieren, das Predigen von Toleranz und Nächstenliebe – die absurde Idee, zwei Liebende mit der Nachricht ihrer geschwisterlichen Verwandtschaft zu beglücken. Stemann findet für all das im Programmheft eine sehr einleuchtende Erklärung. Während Dramatiker wie Shakespeare und Schiller die Welt zeigen, wie sie ist, zeige Lessing, „wie sie seiner Meinung nach sein sollte“; weil er denke, „dass sie dadurch besser wird“. „Das ist doch der komplette Wahnsinn!“, findet Stemann.

Ähnliches scheint sich auch Thalia-Intendant Joachim Lux gedacht zu haben, als er den Regisseur mit der Einstudierung beauftragte. Weil Lessings rührselige Moralpredigt angesichts immer neuer Eskalationsstufen im globalen Kampf der Kulturen allzu leicht ins Lächerliche abzudriften droht, hat er dem Spielleiter eine Hausaufgabe verordnet: Er möge doch zusätzlich Elfriede Jelineks Lessing-Kommentar „Abraumhalde“ (von der Autorin als „Sekundärdrama“ bezeichnet) in die Produktion integrieren. Und das wiederum, sagt der ausgewiesene Jelinek-Experte Stemann, grenze erst recht „an Wahnsinn“. „Nathan der Weise“: Nach dem Programmheft zu urteilen, ist dieses Drama ein einziger großer Wahnsinn.

Auf der Bühne sind spätestens zehn Minuten vergangen, da stellt sich die leise Ahnung ein, das Programmheft könnte Recht behalten. Hinten flackern feierlich weiße Kerzen, rechts wird ein altarähnliches Mischpult sichtbar – ansonsten ist im im dunklen Raum (Bühnenbild von Katrin Nottrodt) nichts weiter zu sehen als ein großer, grauer Lautsprecher: auf halber Höhe vom Schnürboden herabgelassen gen Publikum gerichtet. Aus ihm schallt „Nathan der Weise“, erster Akt, Szene eins. „Er ist es! Nathan! Gott sei ewig Dank, dass Ihr doch endlich einmal wiederkommt.“ – „Ja, Daja. Gott sei Dank! Doch warum endlich? Hab ich denn eher wiederkommen wollen?“ – „ O Nathan, wie elend, elend hättet Ihr indes hier werden können! Euer Haus…“ – „Das brannte. So hab ich schon vernommen…“ Und so weiter.

Fünf Minuten vergehen. Zehn Minuten. Eine viertel Stunde. Und nichts als ein öder Lautsprecher vor flackernden Kerzen. Das Rührstück als weihevolles Hörspiel: Wer an die Moral glaubt, wird selig.

Nach 20 Minuten hebt sich vor der Brandmauer ein schwarzer Vorhang. Hinter einer leicht transparenten Stoffbahn werden die Sprecher sichtbar: sechs vornehm gekleidete Damen und Herren, die auf Notenständern ihre Manuskripte wälzen. Am Hörspiel-Format indes ändert sich vorerst nichts. 25 Minuten sind bald vorbei. Eine halbe Stunde. Räuspern im Publikum, Getuschel, leises Lachen, „unerhört“. Provokation ist im Theater also immer noch möglich: ganz ohne Blut, Sex und Nackte.

Erst als sich auch der zweite, halb durchsichtige Vorhang hebt, lösen die Sprecher allmählich die Studioatmosphäre auf. „Da seht nun gleich den Juden wieder. Den ganz gemeinen Juden!“, skandiert Christoph Bantzer den Part Al-Hafis. Derweil zieht sein Kollege eine Maske auf: Hakennase, Nickelbrille, Diamantohrring in Form eines Dollarzeichens. Und während der Al-Hafi-Rezitator weiter auf den Juden schimpft, schreitet dieser zur Rampe, wo ein Haufen Goldbarren seiner Bestimmung harrt: vom Maskenmann mit Hakennase und Diamantohrring gierig in die Jackentaschen gestopft zu werden. Kurze Zeit später wackelt ein zweiter Gipskopf herein. George W. Bush trägt eine Dornenkrone auf seinem Haupt, eilt zu den wenigen verbliebenen Goldbarren und schickt sich an, sie gleichfalls an sich zu nehmen. Da kommt von links Maske Nummer drei herbei: Osama bin Laden fährt Bush in die Parade, will auch seinen Anteil Gold abhaben.

Und plötzlich stürzt Lessings Moraldichtung in einen tiefen Abgrund. „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?“, liest Darsteller – Pardon: Sprecher Felix Knopp zögernd von seinem Manuskript ab. Sogleich eilen alle herbei, beugen sich über den Text, wiederholen ungläubig: „Sind Christ und Jude… Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als…, als Mensch?“ Ja, bei Gott, ruft da ein jeder aus: „Wir müssen Freunde werden!“

Tatsächlich aber beginnt nun ein wildes Hauen und Stechen, ein Posieren von Märtyrern, ein Gemetzel mit Übertragung auf Großbildleinwand. Mit Jelineks „Abraumhalde“ gelangen plötzlich Gestalten auf die Bühne, die Lessing wohl nicht im Sinn hatte, als er von Versöhnung und Toleranz sprach. Bush setzt sich zu seiner Dornenkrone noch eine Kippa obendrauf. Ein Hamas-Kämpfer schwadroniert angesichts der Mutter Gottes über die Frage, wie viele Jungfrauen wohl im Jenseits auf ihn warten. Und eine als Josef Fritzl maskierte Gestalt sieht sich als Erfüller des Lessingschen Versöhnungsgedankens.

„Nathan der Weise“ ist in Stemanns Version eine wütende Abrechnung mit wohlfeilen Sonntagspredigten, eine Absage an das optimistische Menschenbild und ein Begräbnis der Toleranzidee. Sie ist sowohl auf ästhetischer als auch auf inhaltlicher Ebene eine Provokation, eine Zumutung, eine Frechheit. Und gerade deshalb grandioses Theater.

Weitere Vorstellungen: am 29. Oktober um 20 Uhr sowie am 27. und 28. November, jeweils um 19.30 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Fast 850 Corona-Tote in 24 Stunden in Spanien

Fast 850 Corona-Tote in 24 Stunden in Spanien

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

So kaufen Sie Neuwagen online

So kaufen Sie Neuwagen online

Im "Sterngebirge" das alte Portugal entdecken

Im "Sterngebirge" das alte Portugal entdecken

Meistgelesene Artikel

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Dynamisches Brodeln

Dynamisches Brodeln

Seuche oder Tyrannei

Seuche oder Tyrannei

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Kommentare