Beginn einer wundervollen Reise

„Melodie des Lebens“ in Tenever zum ersten Mal mit Gästen aus Tunesien

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Tunis trifft Tenever: Im Zukunftslabor wird grenzüberschreitend gearbeitet.

Bremen - Von Rolf Stein. Es ist ein bisschen, als wäre das Wort Gewusel hierfür erfunden worden: Auf der Bühne sitzen die Kammerphilharmoniker, aber dazwischen sind Instrumente zu sehen, die dort normalerweise nicht zu finden sind. Vor der Bühne tummeln sich Kinder und Jugendliche, so zauberhaft bunt gemischt, als hätte sich hier ein Diversity-Manager verwirklicht. Einige haben Musikinstrumente in den Händen, dazwischen versuchen ein paar Erwachsene, diese Flöhe zu hüten, während ein Kamerateam in dem ganzen Durcheinander auf der Suche nach prägnanten Bildern und O-Tönen ist.

Wir befinden uns in Tenever. Gesamtschule Bremen-Ost. Hier hat die Deutsche Kammerphilharmonie vor etwas mehr als zehn Jahren ihr Zukunftslabor eröffnet. Sogar ein Bundesverdienstkreuz durfte Kammerphilharmonie-Geschäftsführer Albert Schmitt dafür entgegennehmen, längst sind in anderen deutschen Städten Zukunftslabore entstanden.

Eines der Labor-Projekte ist die „Melodie des Lebens“. Einmal im Monat kommt der Komponist Mark Scheibe nach Bremen, um mit den Schülern der Gesamtschule Musik zu komponieren, Texte zu schreiben und die Ergebnisse später mit den Profis von der Kammerphilharmonie aufzuführen. Wie auch heute Abend. 

Diesmal allerdings ist die Schar der jungen Musiker noch ein wenig bunter. Im vergangenen Jahr ermöglichte eine Förderung des Auswärtigen Amts die Gründung des „Future Lab Tunisia“, das nun erstmals zu Gast ist bei der „Melodie des Lebens“. Rund 40 Gäste aus Tunesien sind nun nach Bremen gekommen, Musiker des Tunesischen Nationalorchesters unter Mohamed Lassoued. 

Außerdem mit nach Bremen gekommen sind einige Lehrer und 20 Schüler des Ibn Khaldoun College in La Manouba, einem Stadtteil von Tunis, der, erklärt Projektmanagerin Verena Thissen, ein bisschen wie Tenever ist, etwas ab vom Schuss, sozial eher benachteiligt. Weil gerade dort junge Menschen ihre Potenziale entfalten lernen müssen, um mündige Bürger der noch jungen tunesischen Demokratie zu werden. Für die meisten von ihnen ist die Reise nach Bremen die erste große Reise überhaupt.

Was sie, wie ihre Bremer Altersgenossen, im Rahmen des Zukunftslabors mit auf den Weg bekommen, ist im besten Falle aber mehr als staatsbürgerliche Ertüchtigung: die Mittel, sich auszudrücken, in Ton, Wort und Performance schöpferisch zu sein. Aber auch die Chuzpe, sich vor ein vollbesetztes Auditorium zu stellen und – zum Beispiel – zu sagen: „Wir sind in Not“! Wie es Massimo und Viktor aus Bremen tun, die ihre schwierige Position als Noch-nicht-Männer reflektieren. 

Bei der Generalprobe ist ihnen ein wenig Respekt vor der eigenen Courage anzumerken. Beyoncé, Fredrica und Zuzanna, die gleich am Anfang auf die Bühne müssen, brauchen ihrerseits noch ein bisschen Ermunterung von Show-Profi Mark Scheibe: Seid für das Publikum da! Die Leute zahlen immerhin 15 Euro Eintritt!

Dafür bekommen sie einiges geboten: Die jungen Bremer machen in Pop, Rap und Rock, die tunesischen Gäste bringen Instrumente wie die Laute Oud mit, die Ney-Flöte, nordafrikanische Percussion und natürlich die Vierteltöne der arabischen Musik. Die Kammerphilharmonie steuert Bach und Schostakowitsch bei, Scheibe ein wenig „Spontancomposing“; zum Finale wagen Kammerphilharmoniker und die Kollegen vom tunesischen Nationalochester einen orchestralen Crossover. 

Zur Zugabe stehen dann in großer Besetzung noch ein Funk-Stück von Herbie Hancock und Ed Sheerans „Locked out of Heaven“ auf dem Programm.

Am Sonntag geht es für die Tunesier dann nach einer Woche wieder zurück übers Mittelmeer. Aber das „Future Lab Tunisia“ steht erst am Anfang. Verena Thissen berichtet, dass die beiden Zukunftslabore parallel an Stadtteilopern arbeiten, die im Herbst kommenden Jahres aufgeführt werden.

Auch für das Nationalorchester bedeutet die Zusammenarbeit mit den Bremern einen Entwicklungsschub. Thissen weiß zu berichten, dass Mohamed Lassoued sich vom Unternehmergeist der Kammerphilharmonie angespornt fühlt, aus dem von ihm geleiteten Nationalorchester eine echtes Vollzeitorchester zu formen.

„Melodie des Lebens“: Donnerstag und Freitag, 19.30 Uhr, „Kammer-Philharmonie“, Gesamtschule Bremen-Ost, Walliser Str. 120, Bremen.

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