Kierkegaards „Tagebuch des Verführers“

Befriedigt, aber nicht glücklich

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Syke - Von Johannes Bruggaier. Wer abwägt statt Farbe zu bekennen, gerät gemeinhin nicht in die Gefahr, als Provokateur zu gelten. Und doch hatte der Autor des 1843 erschienenen Romans „Entweder – Oder“ sich dazu veranlasst gesehen, ein Pseudonym zu wählen.

Mit Grund: „Entweder – Oder“ galt unmittelbar nach seinem Erscheinen als Literaturskandal. Victor Eremita, hinter dem sich niemand anderes als Søren Kierkegaard verbarg, hatte es gewagt, ein ethisch fundiertes Leben mit einer ästhetisch geprägten Existenz zu vergleichen. Skandalös war nicht zuletzt das darin enthaltene „Tagebuch des Verführers“: ein Gedankenspiel über den vollkommenen Ästhetiker, der das von der Romantik mit so viel Pathos aufgeblasene Phänomen der Liebe ausschließlich als künstlerische Gestaltungsmasse begreift. Anlässlich des 200. Geburtstags von Søren Kierkegaard hat der Manesse Verlag das „Tagebuch des Verführers“ nun neu herausgebracht.

Johannes ist kein Don Juan und kein Casanova. Er ist es deshalb nicht, weil es keineswegs die Frauen sind, die er liebt, sondern vielmehr die Schönheit der Macht. Mit der Perfidie eines Mephisto plant Kierkegaards Verführer generalstabsmäßig seinen Angriff auf die ahnungslose Cordelia. Deren tatsächlicher Verehrer namens Edvard dient ihm dabei als Steigbügelhalter: Mit ihm eine Freundschaft zu schließen ist unverdächtiger, als bei der Kandidatin selbst mit der Tür ins Haus zu fallen. Im Gewand des freundschaftlichen Fürsprechers an der Seite eines schüchternen Jünglings lässt sich leicht das Vertrauen und die Sympathie einer Frau erwerben. Und mit ein wenig Raffinesse schafft man sich den lästigen Nebenbuhler anschließend schnell vom Hals.

Nach vollzogener Verlobung gilt es, selbige als Hindernis für die „eigentliche“ Liebe zu präsentieren: jene Liebe, die es mit der Keuschheit nicht so genau nimmt. Verlobung, so lautet die listige Begründung des Verführers, sei eine „Offenbarung“. Liebe dagegen liebt die „Heimlichkeit“. Und was ließe sich wohl noch heimlich tun, wenn über die Verlobung selbst schon alle Welt unterrichtet ist?

Interessant wird Kierkegaards dämonische Verführungsstudie, wenn man sie als Vorbote eines materialistischen Zeitalters liest. Dann zeigt sich in einer Sprache, die Begriffe wie „Elastizität“ oder „Spannkraft“ auf menschliche Charakterzüge anwendet, ein verräterischer Anklang an Eigenschaften industriell gefertigter Produkte. Es verstört zugleich eine unvermutete Parallele zum literarischen Arbeiten selbst: zu einer Kunstform, die das Erschaffen und Vernichten von Figuren als ihre ureigenste Wesensart versteht – wenn auch auf dem Terrain der Fiktion.

Kierkegaards ästhetische Figuren, heißt es in einem Nachwort von Elmar Krekeler, seien „befriedigt“ jedoch nicht glücklich. Die Relevanz des „Tagebuchs“ für unsere Zeit: Vielleicht kommt sie in dieser treffenden Beschreibung am besten zur Geltung.

Søren Kierkegaard: „Tagebuch des Verführers“, übers. v. Gisela Perlet, Manesse Verlag: Zürich 2013; 320 Seiten; 19,95 Euro.

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