Theater Bremen zeigt Hochzeitsgroteske „Shirin und Leif“

Befreiend blöd

Ohne Torte keine Hochzeit: Shirin und Leif wissen allerdings gar nicht so genau, ob sie heiraten wollen. Fotos: Jörg Landsberg

Bremen - Von Jan-paul Koopmann. Das Brautpaar ist sauer: „Wir hatten doch deutlich gesagt: keine Reden, nichts Selbstgedichtetes, keine Lieder zum Mitsingen.“ Dass gleich beide Familien – die deutsche wie die iranische – trotzdem unbeirrbar an der Horrorhochzeit zum Mitspielen festhalten, ist fast schon ein Akt der Völkerverständigung – der einzige auf dieser Hochzeitsfeier.

Mit „Shirin und Leif“ haben die Brüder Akin Emanuel Sipal und Edis Arwed Sipal eine musikalische Komödie über unerträgliche Familien geschrieben, über Liebe und rassistische Stereotype. Dass die Neugier des Bremer Premierenpublikums vor allem Letzteren galt, ist anzunehmen – dass es mit den Antworten zufrieden war, darf man derweil bezweifeln. Denn tatsächlich greift die Inszenierung zwar viel von dem auf, was gerade so kursiert – allerdings nur, um es einem mit Schmackes um die Ohren zu pfeffern.

Hier drehen wirklich alle am Rad: Als deutschstämmiger Vater des Bräutigams trampelt Guido Gallmann von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen, bringt es noch fertig, die seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Familie für ihre Sprachkenntnisse zu loben: „ganz ohne Akzent“. Während der Chor regelmäßig scharf die Luft einzieht bei diesem Gepolter, erweist sich Brautmutter Shila (Gabriele Möller-Lukasz) als nicht weniger ätzend, wenn sie neben echten Grenzverletzungen auch die kleinsten Ungeschicklichkeiten aggressiv von der Platte putzt. Nur ablästern über dumme, weiße Deutsche? So leicht macht es sich Michael Talkes Inszenierung eben doch nicht.

Zwischen den rasant eskalierenden Familienstreitigkeiten wird gesungen: Umdichtungen von den Ärzten über die Rolling Stones bis zu Rammstein. Arrangiert hat Johannes Mittl das mit einer unangenehmen, aber folgerichtig offenen Breitseite zum Schlagerhaften. Es ist Hochzeit, und ein bisschen Spaß muss bekanntlich sein.

Zwischen dem Brautpaar und dessen Partygästen treiben zwei Haustiere das Chaos auf die Spitze: Alexanda Swoboda als treudummer Familienhund im Fellkostüm und Simon Zigah als Dragqueen in schwarzem Plüsch auf hochhackigen Lederschuhen, die sich lasziv schmatzend vorstellt: „Ich bin Lala, die Perverserkatze von Shila.“ Ja, das alles ist total beknackt – aber auch wirklich lustig.

Tatsächlich bezaubernd hingegen ist Deniz Orta, die als Braut Shirin unter ihrem herzlichen Dauerlächeln extreme Anspannung zum Ausdruck bringt. Und das nicht nur, weil die Verwandtschaft am Rad dreht, sondern weil die junge Frau dazu noch ihren sehr männlich leidenden Gatten (Ferdinand Lehmann) bei Laune halten muss. In subtilen Manövern zwischen Frust und Funktionieren, aber auch Rücksichtnahme bei unbedingter Wahrung ihrer Selbstachtung liegt versteckt die eigentliche Stärke dieses Stücks. Die Leichtigkeit, mit der Orta diese Zwischentöne auf die Bühne bringt, verblüfft nicht nur, weil drumherum umso lauter keifend der Wahnsinn eskaliert.

Obwohl die zwischen- und innerfamiliären Neidereien und Streitigkeiten wohl in den allermeisten Familien auftreten, entzünden sie sich in diesem Stück an Multikultifragen in wenig charmanten Klischees: Da wäre auf der einen Seite die iranische Familie im Glitzerfummel unter Schmuck und Schminke; auf der anderen Seite die Ökodeutschen im kackbraunen Rock, die ihr fades Biocatering selbst mitgebracht haben.

Der Gipfel ist erreicht, wenn Brautmutter Shila als Hochzeitsgeschenk eine Schubkarre voller Goldbarren in den Saal ruckelt – und es damit kein Stück schlimmer trifft als die Deutschen mit ihrem „an etwas Immateriellem orientierten“ Geschenk: einem betont gebrauchten Kinderwagen. Was schon schlimm genug wäre, wenn die beiden nicht seit zwei Jahren heimlich beim Arzt säßen, weil Leif offenbar zeugungsunfähig ist.

Das von Thomas Rupert und Nanako Oizumi konzipierte Bühnenbild erweist sich als tolles Gruselkabinett zwischenmenschlicher Abgründe: ein bisschen bieder, ein bisschen Lack ab, ein bisschen Gastrogroteske mit einem riesigen Deko-Hai an der Wand, aus dessen Kopf Wasser plätschert. Ein Durchbruch in der Rückwand gewährt Einblick in einen wuchernden Garten, an dem nichts echt, aber alles verwunschen wirkt. Eine Ruhezone, in der das unbewusste Grauen sich eingenistet hat.

Oder auch nicht. Man sollte es mit der Deuterei nicht übertreiben, es geht tatsächlich auf sehr alltäglicher Ebene um Allzumenschliches. Da ist es dann auch egal, dass der Plot zerfasert und am Ende in der eher schwachen Erkenntnis mündet, dass es zu zweit doch besser ist als mit alle Mann.

Vor allem bleibt die Multikulti-Klischee-Kiste sonderbar offen. Was ist deutsch, was persisch, was iranisch? Oder geht es doch um den Islam? Der Text der Sipal-Brüder verweigert sich jeder klaren Haltung, Talkes Regie verkneift es sich erfreulicherweise, nachzuschärfen und kümmert sich stattdessen meist erfolgreich darum, das Tempo zu halten und alle Seiten im gleichen Maß an Beklopptheit glänzen zu lassen. Wobei: Den ausgiebigen Demütigungen des AfD-Onkels Ole („Ich bin kein Nazi, ich bin Stadtrat“) ist schon ein gewisses Mehr an Lust anzumerken. Alexander Angeletta gibt dafür eine willkommene Zielscheibe ab – und steuert einige der herbsten Kalauer zum Gesamtirrsinn bei.

„Shirin und Leif“ ist ein Befreiungsschlag in alle Richtungen, zwischendurch ein unerwartet feinfühliges Stück über den Menschen – und dabei durchgehend aufs Herrlichste blöd. Manchen zu sehr, wie der unverdient klamme Premierenapplaus vermuten lässt. Entweder das, oder es gibt da draußen doch mehr Freunde von selbstgedichteten Hochzeitsreden, als zu hoffen wäre.

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