Bekanntes und Abseitiges aus dem Archiv: Edition von Chormusik aus fünf Jahrhunderten erschienen

Beethoven mit Schaf und Esel

Kreiszeitung Syke

Von Johannes BruggaierSYKE (Eig. Ber.) · Wer Hoffnung sucht, darf nicht die Geschichte der Chormusik studieren. Das Label „Berlin Classics“ hat jüngst eine zehn CDs umfassende Edition veröffentlicht, Kompositionen für Chöre vom 16.

Jahrhundert bis heute. Demnach hat es Zeiten gegeben, in denen man „Jubilate Deo“ rief, sich „frisch auf“ zur „Musici“ erhob und den „Mai“ ob seiner „viel schöner Blümlein“ besang. Noch im 19. Jahrhundert freute sich Beethoven über Scherze wie „Bester Herr Graf, sie sind ein Schaf“ und appellierte an seinen Zuhörer: „Freu dich des Lebens.“

Derlei unbekümmerte Sangeslust hat sich im 20. Jahrhundert weitgehend erledigt. „Seid nüchtern und wachet“ ist sinniger Weise die letzte CD dieser chronologisch konzipierten Reihe überschrieben. Und statt Blümchen und Schäfchen heißt es nun: „Wie liegt die Stadt so wüst.“ Oder: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir!“

Es gibt auch Gegenbeispiele. Ernst Peppings „Vögelein im Walde“ etwa, entstanden mitten in den Trümmern, unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Alles in allem aber spiegelt die Kompilation eindrucksvoll den mentalen Wandel in der neueren europäischen Geschichte.

Am meisten überzeugt deshalb die Auswahl von Kompositionen des 20. Jahrhunderts: mit Max Regers „Geistlichen Gesängen“ etwa oder Arnold Schönbergs „Friede auf Erden“. Es ist das Ringen um eine Fortführung der Aufklärung einerseits, die Suche nach einer rettenden göttlichen Instanz andererseits. Und: Es ist wie bei Pepping der Versuch, durch die Rückwendung zur Romantik einen Neuanfang zu wagen.

Dabei war früher keineswegs alles besser – jedenfalls nicht in ästhetischer Betrachtung. Über Felix Mendelssohn Bartholdys Goethe-Verständnis lässt sich streiten, und von Beethoven sind ganz unzweifelhaft gelungenere Chorwerke überliefert als „Esel, aller Esel, hi ha“. Gerade die Berücksichtigung solch abseitiger, kaum bekannter Kompositionen aber verleiht der Sammlung ihren Charme.

Die Ursache für diese Mischung dürfte wohl schnöder geschäftlicher Natur sein. Editionen wie diese lassen sich allein durch Rückgriffe aufs Archiv rentabel produzieren. Und dieses Archiv heißt bei „Berlin Classics“ Eterna: das einstige DDR-Label, nach der Wende aufgekauft. Es singen also zumeist Ost-Ensembles wie der Dresdner Kreuzchor, der Thomanerchor Leipzig oder auch der Rundfunkchor Berlin. Oder sollte man sagen: Sie sangen? Bis in die sechziger Jahre nämlich reichen die Aufnahmen zurück. Das ist weniger bei den Chören ein Problem als bei den begleitenden Instrumentalisten: Niveau-Unterschiede zu heutigen Spitzenensembles sind unüberhörbar – insbesondere in Carl Orffs „Carmina Burana“, eingespielt vom Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig 1976. Das ist nun mal der Preis für diesen Preis: eine umfassende Chorgeschichte für weniger als hundert Euro.

„Choredition“, Berlin Classics 2010; CDs sind auch einzeln erhältlich für jeweils 8,97 Euro.

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