Kunstfestspiele Herrenhausen haben jede Menge Originelles zu bieten

Beethoven im Brexit-Taumel

Zum 300. Geburtstag der Fontäne im Großen Garten in Hannover schuf Robert Henke die Laserinstallation „Fountain Scan“, die noch bis einschließlich Sonntag täglich von 20.30 bis 23 Uhr zu sehen ist.
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Zum 300. Geburtstag der Fontäne im Großen Garten in Hannover schuf Robert Henke die Laserinstallation „Fountain Scan“, die noch bis einschließlich Sonntag täglich von 20.30 bis 23 Uhr zu sehen ist.

Hannover – Die Macher der Kunstfestspiele Herrenhausen waren in diesem Jahr nicht zu beneiden. Das Festival, das vor allem unter Intendant Ingo Metzmacher überregionale Strahlkraft entwickelt hat und stets einen langen Vorlauf benötigt, findet inzwischen üblicherweise im Mai statt. Als das corona-bedingt nicht möglich war, wurde es mit einigen Programmänderungen in den Herbst geschoben – nur um durch neue Reisebestimmungen zum 1. Oktober abermals durcheinander gewirbelt zu werden. Vor diesem Hintergrund haben die Veranstalter Beachtliches auf die Beine gestellt.

Eines der planmäßig realisierten Projekte ragt im wahrsten Sinne des Wortes heraus und ist während der Festivaldauer allabendlich zu bewundern. Da die berühmte Riesenfontäne im „Großen Garten“, die eine Höhe von bis zu 72 Metern erreicht, 300 Jahre alt wird, erhielt der Berliner Künstler Robert Henke den Auftrag, ein audiovisuelles Design dafür zu entwerfen. Das Ergebnis heißt „Fountain Scan“ und ist spektakulär.

Henke arbeitet gern mit Laserlicht und stellt nun eine Kombination aus statischen und beweglichen Elementen vor. Angeregt durch die Geometrie des Gartens lässt er mehrere Strahlen auf die Basis der Fontäne zulaufen, einen von ihnen über 500 Meter hinweg. Sie sind und bleiben cyanfarben, während sich beim Nähertreten Wechselspiele ergeben: Mobile Laser wandern über den Wasserstrahl und ändern, wenngleich sehr langsam, ihre Farben, können etwa violett werden oder besonders reizvolle Goldschattierungen annehmen. Das Licht bricht sich immer wieder neu im Wasser, Wind und Wetter bringen zudem ein Zufallselement ins Spiel. So kann man sich in Details vertiefen oder kosmische Assoziationen entwickeln – in manchen Momenten wirken die wirbelnden Strukturen tatsächlich wie Anhäufungen von Sternen oder galaktische Nebel.

Dazu dringen aus großen Boxen elektronische Sounds, die ebenfalls keine Hektik entwickeln – Henke hat sich nach einigen Tests mit schnelleren Rhythmen bei Licht und Klang für eine eher meditative Wirkung entschieden. An Abwechslungsreichtum mangelt es gleichwohl nicht. Das liegt zum einen an den besagten Witterungseinflüssen, zum anderen an Henkes Konzept: „Es gibt hier“, so der Künstler, „nicht den einen großen Loop, sondern mehrere Loops, die sich gegeneinander verschieben. Vielleicht dauert es eine Million Jahre, bis dabei zweimal genau dieselbe Konstellation entsteht.“

Und was hatten die Kunstfestspiele bislang noch zu bieten? Eine Menge Originelles, wie üblich. Unter anderem ein ebenso lautes wie spannendes Dudelsack-Konzert mit dem Quartett von Erwan Keravec und eine nachgerade geniale Interpretation von Karlheinz Stockhausens „Mantra“ durch das „GrauSchumacher Piano Duo“.

Die Weltpremiere des Films „Second Self: Beethoven Resurrection“ von Hugo Glendinning und Tilly Shiner zu Sami El-Enanys live gespielter Musik geriet etwas zähflüssig, trotz einiger betörender Momente und trotz eines fraglos speziellen Inhalts: Beethoven taucht hier mitten im Londoner Brexit-Taumel auf, um die Royal Philharmonic Society zur Rede zu stellen, die ihn einst für die 9. Symphonie mit lumpigen 50 Pfund abgespeist hat. Klappt nicht – zwar lernt der Komponist Skateboards, Kopfhörer und die Tücken beim Öffnen von Getränkedosen kennen, kehrt aber letztlich unverrichteter Dinge in die Themse zurück, aus der er gekommen ist.

Abgesagt werden musste die Performance „Out Of Order“ von „Forced Entertainment“. Zum Trost zeigt die Gruppe wieder ihren beliebten „Table Top Shakespeare“, diesmal in Form von Streams: Sämtliche 36 Stücke des Dramatikers als jeweils rund einstündige Aufführung am heimischen Tisch – Gewürzstreuer, Taschenlampen oder Topfschwämme verkörpern die Welten von Hamlet, Macbeth oder Romeo und Julia. Wer die Live-Übertragungen verpasst hat, muss sich nicht grämen: Die abgespielten Stücke sind als Aufzeichnung verfügbar.

Infos

Das Festival dauert noch bis zum 11. Oktober. Infos unter kunstfestspiele.de

Von Jörg Worat

Hören pur: „Sounds and Spaces – unseen“.

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