Beatsteaks-Bassist Torsten Scholz im Interview:

„Uns gibt es die nächsten 100 Jahre“

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Beatsteaks-Bassist Torsten Scholz sagt über sein Auflegen als DJ: "Das ist jetzt etwas standardmäßig, aber es ist halt geil."

Bremen - Von Pascal Faltermann. Viel mehr geht nicht. Die Beatsteaks gehören zu den größten und erfolgreichsten deutschen Rockbands. Warum die Berliner am 14. November zum zweiten Mal nach dem Sommer in Bremen sind, sie eine Vorliebe für Hip-Hop haben und was Zusammenhalt bedeutet, erzählt Bassist Torsten Scholz im Interview.

Wollen Sie das typische Frage-Antwort-Spielchen oder wollen Sie über ein Thema Ihrer Wahl sprechen?

Torsten Scholz: Ach du Scheiße, das hätten Sie vorher sagen müssen, dann hätte ich mir was überlegt. Ein Thema meiner Wahl, da bin ich überfragt. Was fällt Ihnen denn ein?

Fußball? Familienleben? Platten auflegen? Bremen?

Scholz: Oh, Fußball... In Bremen läuft es ja auch gerade nicht so. Familienleben, das baue ich einfach in die Fragen mit ein.

Treten Sie weiterhin mit Sänger Arnim Teutoburg-Weiß unter dem Pseudonym Fra Diavolo als DJ auf?

Scholz: Ja, das machen wir immer noch regelmäßig. Wenn wir in Bremen spielen, gibt es danach immer eine Aftershow-Party im Tower. Wenn wir Zeit und Lust haben, gehen wir da vorbei und legen auf. Das ist auf Tour aber immer eher zweitrangig, weil es ein Nebenjob ist. Unterwegs zählt zuerst die Band. Ich habe aber meinen Kram immer dabei und wenn es sich vereinbaren lässt, und einer fragt, kann ich mich da zwei Stunden hinstellen.

Also muss nur jemand dem Tower-Besitzer Olli Brock Bescheid geben, dass er Sie fragt?

Scholz: Olli vom Tower hat mich letztens schon gefragt. Ich habe ihn beim Reeperbahn-Festival getroffen, da haben wir gequatscht.

Warum gibt es, wenn Sie auflegen, kaum Rockmusik, sondern Hip-Hop zu hören?

Scholz: Ich glaube, dass es bei Arnim und mir schon so war, als wir klein waren. Ich habe gerade wieder Beat Street den Breakdance-Film geguckt. Als der rauskam, war ich so zwölf bis 14 Jahre alt. Da fing es bei mir an, dass ich Grandmaster Flash, Sugarhill Gang oder Dj Kool Herc – diesen ganzen Old School Hip-Hop-Kram gehört habe. Irgendwann blieb ich hängen – auf Public Enemy, Run DMC und Beastie Boys. Arnim und ich sind gerne in Clubs tanzen gegangen, für mich war das dann immer eine Musik, die ich ganz doll gerne gehört habe. Weil es die Musik ist, zu der man am besten tanzen kann. Wenn du auflegst, willst du, dass im Optimalfall alle tanzen. Die Mädels tanzen, wenn gute Musik läuft und die Jungs, weil sie abends mit den Mädels nach Hause gehen wollen. Zu Black Music, R'n'B oder Hip-Hop bewegen sich alle Leute, während bei Rockmusik die Typen nur tanzen, um sich gegenseitig zu zeigen, was für große Eier sie haben. Bei Hip-Hop zeigen sie den Mädels, wie groß ihre Eier sind. Das ist der Vorteil daran.

Welche drei Old School Songs legen Sie immer auf?

Scholz: Old School ist ein sehr dehnbarer Begriff. Ich lege gerne Rakim mit „Guess who's back“ auf, das ist zwar die Goldene Ära, aber auch schon 25 Jahre her. Etwas älter ist der Klassiker „Planet Rock“ von Afrika Bambaataa und dann nehme ich von Grandmaster Flash „White Lines“ oder „Big City of Dreams“ – da kann man fast alles spielen. Das ist jetzt etwas standardmäßig, aber es ist halt geil.

Keine Songs der Beastie Boys oder Run DMC?

Scholz: Doch, doch. Dann hätte ich ja jetzt fünf. Klar, Beastie Boys müssen immer sein, wobei die Endphase von denen super ist. Und Run DMC, klar, „Mary, Mary“ oder „It's Tricky“¨ – da gibt es einfach zu viel. Meistens legt man die vier, fünf Standarddinger auf und dann kommt einer und fragt: „Warum hast du nicht den oder den Song gespielt?“

Machen Sie vorher Playlisten? Oder legen Sie aus dem Gefühl heraus auf?

Scholz: Da ich vor zwei Jahren angefangen habe, alle meine CDs in den Rechner zu laden, und mein Laptop meine beiden DJ-Koffer abspiegelt, habe ich da im Prinzip so meine grobe Ordnung drin. Ich mache keine Playlisten. Wenn ich in Berlin alleine auflege, mache ich das von elf bis um acht Uhr - das sind neun Stunden und da hab ich keine Zeit und keinen Bock, mir eine Playlist zu erstellen. Wenn Arnim und ich auflegen, macht das auch keinen Sinn, da wir ja aufeinander reagieren müssen. Da wir die Songs fast immer komplett durchspielen, haben wir zwischendurch Zeit, uns abzusprechen.

Neben Schlager und elektronischer Musik bestimmt Hip-Hop die aktuellen Charts. Was gefällt Ihnen am derzeitigen Hip-Hop?

Beatsteaks-Bassist Torsten Scholz

Scholz: Ich finde die meisten Sachen nicht so gut, wie es die Verkaufszahlen sagen. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber dass mir etwas richtig gut gefällt, passiert eher selten. Ich mag die Genetikk-Sachen von Selfmade, das ist richtiger „Boom Bap Rap“. Ein paar Sachen von Marsimoto oder Marteria finde ich derbe, weil die Leute, die deren Musik machen, zu den besten Produzenten in Deutschland gehören. Bei Alligatoah kann ich verstehen, dass die Kids das gut finden, da bin ich allerdings zu alt für. Aber über sowas wie Trailerpark, die ja teilweise asozialeren Kram machen, kann ich sehr schmunzeln. Auch wenn sich da viele aufregen, dass es frauenfeindlich ist, denke ich am Ende, dass man das alles nicht so ernst sehen sollte. Ich glaube nicht, dass die Jungs Mukke machen, weil sie eine bestimmte Gruppe von Menschen blöd finden. Da muss ich schon manchmal lachen, was die sich für kranken Scheiß ausdenken. Das gebe ich zu.

Ist das Auflegen harte Arbeit oder Spaß?

Scholz: Körperlich ist das für mich nicht mehr ganz so einfach, weil ich schon ein paar Tage älter bin. Da brauche ich danach immer ein bisschen. Wenn mich einer bucht, braucht der mir mit DJ-Skills nicht kommen. Die Leute fragen uns, weil wir die Zwei von den Beatsteaks sind. Was ein kleiner Bonuspunkt ist. Ich glaube, dass Arnim und ich das ganz gut machen. Wenn es mal nicht läuft, spielen wir eine halbe Stunde Rock oder Punkrock. Dann tanzen doch wieder alle. Das macht einen DJ aus: Der muss auf die Leute eingehen. Für mich bedeutet das immer gute Laune, weil ich ja keine Sachen auflege, die mir selbst keinen Spaß machen. Ich bekomme dafür Geld, Getränke und andauernd kommen hübsche Mädchen und sagen dir was du spielen sollst. Wenn ich jetzt sagen würde, das ist Arbeit, könntest Du mir gleich eine rein hauen. Acht Stunden im Supermarkt an der Kasse sitzen, ist anstrengender, als das was ich da mache und dabei ein paar Bier trinke. Das ist alles halb so wild.

Finden Sie es schade, nicht mehr mit Platten aufzulegen?

Scholz: Naja, früher habe ich mit Platten aufgelegt, dann mit CDs. Aber dann schleppst du dir auch einen Ast ab. Jetzt habe ich einen Rechner mit einem Controller, das sieht dann aus, als hättest du zwei CD-Player. Der Vorteil ist, dass du mehr Musik mitnehmen und schnell darauf zugreifen kannst. Da ich nach BPM (Beats per minute) auflege, finde ich Songs, die von der Geschwindigkeit zueinander passen, auch wenn ich das nicht sofort im Kopf habe. Ich glaube aber, dass man die Erfahrung mit CDs und Platten braucht. Bei mir stecken da auch 15 Jahre Arbeit hinter.

Wie ist es bei den Beatsteaks auf der Bühne – mehr Spaß oder doch Arbeit?

Scholz: Beatsteaks ist natürlich etwas anders als Auflegen. Die Verantwortung, die man der Band gegenüber hat und den Leuten, die auf Tour mit unterwegs sind, ist höher. Wir sind mit drei Trucks unterwegs, das Bedarf vorher einer ganz anderen Planung. Wir müssen eine Menge vorbereiten und bedenken. Da sind die zwei Stunden auf der Bühne die reinste Erholung. Wenn man gut geprobt und sich vorbereitet hat, dann hat man auf der Bühne nur noch Spaß. Natürlich setzt man sich danach fokussiert hin und überlegt, was besser sein müsste. Auf Tour haben wir jeden Tag Besprechungen, Interviews und kümmern uns um Facebook – wir haben tagsüber von zehn Uhr bis zum Konzert genügend zu tun. Dann spielt man das Konzert, trinkt ein paar Bier, hat noch ein paar Manöverkritiken und der Tag ist wieder rum. Es ist schöne Arbeit, weil es etwas ist, was einem unglaublich am Herzen liegt.

Sie spielen während der „Club“ und der „Creep Magnet“-Tour 36 Konzerte in knapp drei Monaten. Wie bekommen Sie das mit Familie alles unter einen Hut?

Scholz: Glücklicherweise kennen die Mütter unserer Kinder und die Freundinnen das alles seit ein paar Jahren und sind das gewohnt. Jetzt auf der Tour sind wir dreieinhalb Wochen am Stück weg, da vermisse ich meine Tochter schon doll und kann sie nicht besuchen, weil wir weit weg sind. Aber bei der großen Tour relativiert sich das. Da haben wir zwischendurch ein paar Tage Pause, sind unterwegs und haben dann zwei Konzerte in Berlin. Das ist alles im Rahmen. Wir schaffen uns ein paar Lücken. Für die Zeit muss man sich für Zuhause auch Hilfe holen, aber wir sind ja keine zwei Monate am Stück weg. Und ich habe auch mal eine Woche, um mit meiner Tochter allein in den Urlaub zu fahren.

Beatsteaks im Bremer Schlachthof

Viele Bands machen eine Bogen um Bremen. Warum sind die Beatsteaks zweimal da?

Scholz: Wir haben in Bremen fast alle Größen durch: Wir waren im Tower, im Schlachthof, im Pier 2, Open Air und sogar in der Stadthalle. Mein allererstes Konzert mit der Band war mit den Toten Hosen vor 13 500 Menschen. Wir waren also oft dort und kennen auch Bremer Bands wie die Trashmonkeys. Es gibt ein paar Berührungspunkte. Bei der „Club Magnet“-Tour haben wir uns überlegt, die besten Clubs Deutschlands zu spielen. Und da ist der Schlachthof mit dabei. Wir spielen aber auch Städte wie Münster, Bielefeld oder Hannover, was nicht die typischen A-Städte sind. Wir sind dort, wo uns die Menschen sehen wollen. Da ist es manchmal geiler als in so großen Städten wie Hamburg, Berlin oder München, wo die Leute ein bisschen verwöhnt sind.

Als Beatsteaks-Drummer Thomas Götz eine Treppe hinunter stürzte, soll es Überlegungen gegeben haben, aufzuhören?

Scholz: Wenn einer von uns Fünfen sich so schwer verletzt, dass er danach keine Musik mehr machen kann, dann ist das durchaus ein Grund, dass es die Band nicht mehr gibt. Als Thomas sich damals verletzt hat, wusste keiner mehr, ob er noch mal wieder aufsteht. Und wenn er liegen geblieben wäre und niemals mehr was gemacht hätte, dann wäre die Band, wie sie jetzt ist, nicht mehr existent. Aber wir haben diesen Schicksalsschlag hinter uns und es wird nichts mehr passieren. Also gibt es uns die nächsten 100 Jahre.

Zeigen solche Momente, wie wichtig der Zusammenhalt in der Band ist? Sind Sie tatsächlich so eng miteinander?

Scholz: Das ist eine berechtigte Frage. Wir waren immer gute Freunde, aber seitdem wir Familie haben, rücken andere Dinge in den Fokus. Bis aufs Proben und gemeinsames Entwickeln und Produzieren haben wir gar nicht allzu viel miteinander zu tun. Wir waren mal beim Kindergeburtstag zusammen, weil unsere Kinder das gleiche Alter haben, aber wir haben nicht mehr das enge Verhältnis von früher. Dann kam dieser blöde Unfall und wenn wir etwas Positives daraus ziehen können, dann, dass wir sehr eng miteinander sind. Ich habe bemerkt, wie wichtig mir die anderen Typen sind, und wie sehr wir uns brauchen. Wie abhängig wir voneinander sind, was die Band betrifft. Wir könnten auch alle was anders machen, ich könnte wieder auflegen. Aber es ist nicht so weit an den Haaren herbeigezogen, wenn man davon redet, dass es eine zweite Familie sein könnte.

Gibt es eine Schlagzeilen, die Sie gerne über sich lesen würden?

Scholz: Bis vor zwei Jahren hätte ich gerne gelesen, dass die Bestie Boys die Beatsteak mit auf Tour nehmen. Das geht leider nicht mehr. In den Schlagzeilen der Yellow Press will ich gar nicht so gerne sein. Wenn eine seriöse Tageszeitung schreibt, dass es ein tolles Konzert oder die erfolgreichste Tour war, dann würde ich mich freuen. Als ich damals in der BZ in der U-Bahn gelesen habe, dass Thomas Götz nach einem Motorradunfall schwer verletzt im Krankenhaus auf der Intensivstation liegt, wollte ich nie wieder in der Zeitung stehen.

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