Oscar Wildes „Dorian Gray“ neu übersetzt

Beängstigender Spiegelblick

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes Bruggaier. Seinem Schöpfer hatte dieses Buch einst zwei Jahre Zuchthaus eingebrockt.

„Das Bildnis des Dorian Gray“, der einzige Roman des großen irischen Dramatikers Oscar Wilde, galt gleich nach seiner Veröffentlichung 1890 als Skandalwerk: weil die männlichen Protagonisten eine verdächtig innige Auslegung des Freundschaftsbegriffs offenbaren. Wer so etwas schreibt, befand fünf Jahre später ein Gericht, der muss selbst „Unzucht“ getrieben haben. Im Vereinigten Königreich des 19. Jahrhunderts stand darauf noch eine saftige Freiheitsstrafe.

Heute interessiert an dem Klassiker weniger seine homoerotische Dimension als die Auseinandersetzung mit Kunst und Leben. Im Deutschen Taschenbuch Verlag ist er nun in einer Neuübersetzung erschienen.

Es ist eine lohnende Lektüre, wenn auch die dramaturgischen Schwächen sich nicht durch eine noch so raffinierte Übersetzung ausgleichen lassen. Ein allzu zufälliger Zufallstreffer während einer Jagd ausgerechnet auf den ärgsten Feind, eine Erpressung ohne schlüssige Erklärung des Bedrohungsmittels (Beweise für Unzucht?): Man darf nicht nach Wahrscheinlichkeiten fragen in diesem an der Gruselliteratur angelehnten Roman. Das gilt auch für das Hauptmotiv, einem Porträt des jungen, geradezu unverschämt hübschen Dorian Gray, angefertigt von dem berühmten Maler Basil Hallward. Dass dieses Porträt altern möge statt seiner selbst, wünscht sich der eitle Pfau und ahnt nicht, dass aus seinem Wunsch ein Fluch werden könnte.

So blickt er einige Jahre und mehrere leichtfertig eingegangene Liebschaften später erneut auf sein Porträt. Und siehe da: ein bitterer, hässlicher Zug lässt sich in dieser Miene erkennen. Sollte das Bild tatsächlich gealtert sein? Oder ist es nicht vielmehr der veränderte Blick des gealterten Menschen auf das nur vermeintlich unschuldige Antlitz seiner Jugend? Und besteht nicht in gerade diesem Spiegelblick die beängstigende Kraft jeder Kunst?

Lutz-W. Wolff findet für diesen mystischen und doch so klar komponierten Plot eine heutige Sprache fernab mancher Manierismen bisheriger Übersetzungen. Wildes Roman erweist sich darin als unverhofft aktuell: als eine Parabel auf ästhetische Fragen des Medienzeitalters.

Oscar Wilde: „Das Bildnis des Dorian Gray“, Roman, neu übersetzt von Lutz-W. Wolff, Deutscher Taschenbuch Verlag: München 2013; 352 Seiten, 8,90 Euro.

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