Syker Vorwerk zeigt zeitgenössische Holzbildhauerei

Baumstoff als Baustoff

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Klaus Hack: Babelturm, 2010/2012, Linde. ·

Syke - Von Johannes BruggaierDie „große Braut“ trägt weiß. Ihr Kleid: ein prächtiges Textil mit unzähligen Fenstern. Was für eine Partie für den glücklichen Bräutigam, welch eine stolze Erscheinung! Und doch: Heiraten mag man sie nicht.

Der Titel der neuen Ausstellung im Syker Vorwerk lässt unschwer erraten, um welches Material sie sich dreht. „Gehölz“ lautet er, und genau das ist auch zu sehen, wenn auch nicht immer auf den ersten Blick. Klaus Hacks „große Braut“ zum Beispiel könnte man in ihrer blendend weißen, starren Form fast für ein Wesen aus Elfenbein handeln. In ihrem turmhoch aufsteigenden Fensterkleid sieht man das steinerne Gerüst eines gigantischen Bauwerks. Und der darüber platzierte, so gar nicht anmutige Oberkörper erinnert statt an eine Braut vielmehr an das Mahnmal eines marmornen Dämons.

Aber nein: Nicht Stein und Elfenbein liegt dieser Gestalt zugrunde, sondern eine Pappel. Die scheinbar so harte, Ehrfurcht gebietende Figur ist in Wirklichkeit aus weichem Holz geschnitzt.

Holzbildhauerei, das ist vor allem aus kirchlichen Zusammenhängen bekannt. Man denkt an filigran gearbeitete Flügelaltäre eines Veit Stoß oder Madonnen skulpturen eines Tilman Riemenschneider. Das bedrohlich aufragende Kleid der „großen Braut“ im Vorwerk erinnert vor diesem Kontext an einen Turm, der einst zu Babel gebaut worden sein soll. Und ist man bei dieser Assoziation erst einmal angelangt, ist es nur ein kleiner Schritt zur Hure Babylon, die in der Johannes-Offenbarung übrigens „die Große“ heißt: Urbanität als Mutter aller Sünden?

Man neigt dazu, diesen Schluss für allzu kurz gesprungen zu halten. Bis man im zweiten Stock ganze Wohnblöcke in die Höhe ragen sieht. „Babel 1“, „Babel 2“, „Babel 3“ heißen die statisch gewagten Entwürfe: Schief ineinander verschachtelte Wohnungen mit dunklen Fenstern. Hundertwasser-Anmutungen einerseits, ruinenhafte Nachkriegsfassaden andererseits: Hack zeigt im Bau den Verfall, im Holz den Stein, in der Moral die Sünde.

Ähnlich wie bei Hack werden auch bei Lothar Seruset Bezüge zur christlichen Mythologie sichtbar. Seine sehr konkrete Bildsprache schafft Altäre von Autos und Häusern, Straßen und Ampeln. Unter der Szenerie lassen sich oftmals menschliche Schädel ausmachen, als Verweis auf das Erbe früherer Generationen. Und nicht selten findet sich irgendwo ein schwarzes, hundeähnliches Wesen, das wie ein Sendbote des Satans der heilen Welt da oben einen Besuch abstattet. Symbole der modernen Zivilisation begegnen hier Codes aus der Glaubensikonografie: Der Mensch ringt mit seinem historischen Erbe.

Weitaus abstrakter mutet da die Ästhetik von Ulrike Goelner an. Mit Kettensäge arbeitet sie aus Eichen- und Eschenholz lamellenförmige Strukturen heraus, der massive Stamm offenbart sein Potenzial zu papierener Leichtigkeit. Statt kirchlicher Symbolik wird nun die romantische Sichtweise auf den Werkstoff Holz greifbar: die Huldigung der Natur, ihrer Substanz wie ihrer Formen. Tiefe Furchen, die sich zwischen den Lamellen bilden, dienen als Versteck für Ahnungen und Gefühle, Räume für Kategorien des Unbewussten.

Deutlich näher an der Figürlichkeit bewegt sich Reinhard Osiander. Seine Holzobjekte zeigen überdimensionierte Spielzeugfiguren wie Lasso schwingende Cowboys und freundlich dreinblickende Pferde, eine nostalgische Reminiszenz an die Zeit der Unschuld. Und doch steckt in ihnen mehr als Nostalgie. Seine „Rabauken“ etwa, drei fröhliche Kinder auf einem vereisten Weiher, muten bei näherem Hinsehen wie Teilnehmer einer Nasa-Mondexpedition an. Die Jacken wie Uniformen, die Mützen wie Helme, die fröhlichen Handbewegungen wie zackige Befehle: Im Kindheitsporträt spiegelt sich der große Spielplatz der Erwachsenen.

Einzig die etwas schablonenhaft geratenen Alienfiguren Ilka Rautenstrauchs fallen in dieser ansonsten sehenswerten Schau etwas ab. Zu sehen sind abwesend in die Ferne starrende Nackte mit asymmetrischen Brustkörben, verfremdeten Geschlechtsteilen oder auch behuften Extremitäten. Der Betrachter sucht nach dem Bezugspunkt, an dem sich der Trance-Blick dieser traurigen Außerirdischen in der heutigen Wirklichkeit festmachen ließe. Doch er stößt lediglich auf Klischees der Science-Fiction-Szene.

Was also hat sie uns zu sagen, die Holzbildhauerei unserer Zeit? Vor allem wohl öffnet sie den Blick auf das Erbe vergangener Ästhetiken und Symbolsprachen. Wer den Baumstoff als Baustoff nutzt, kommt um die beiden Assoziationskategorien Kirche und Natur kaum herum. So wirken die Skulpturen von Goelner, Hack, Osiander, Rautenstrauch und Seruset immer auch als Abgleich von Wissen und Glauben sowie von Gegenwart und Vergangenheit. Wo dieser Abgleich zu einer kritischen Hinterfragung tradierter Wahrnehmungsmuster führt, beweist er die Aktualität dieses Materials für das skulpturale wie plastische Verfahren.

Bis zum 15. Juni im Syker Vorwerk, Am Amtmannsteich 3, Syke. Öffnungszeiten: Mi. 15-19 Uhr, Sa. 14-18 Uhr, So. 11-18 Uhr.

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