El Gouna feiert mit Champagner sein Internationales Filmfestival

Wir bauen eine neue Stadt

El Gouna - Von Rolf Stein. Als Samih Sawiris, Chef der Orascom Hotels and Development, im April 1989 den Grundstein für die Stadt El Gouna legt, ist Muhammad Husni Mubarak Staatspräsident in Ägypten; sehr lange schon – und auch noch für eine ganze Reihe von Jahren. Der „Arabische Frühling“ zwingt Mubarak zum Rücktritt. Der „Arabische Frühling“ hat die Hoffnungen kaum erfüllt, die in ihn gesetzt wurden.

In Ägypten wird Muhammed Mursi zum Präsidenten gewählt, ein Militärputsch beendet seine Regierungszeit recht bald, Neuwahlen bringen Abdel Fatah El-Sisi an die Macht, seit fünf Jahren ist er Staatspräsident. 2018 wurde er wiedergewählt – El-Sisi soll nicht eben zimperlich mit seinen Mitbewerbern umgegangen sein. Auch die Zahl der Hinrichtungen soll drastisch angestiegen sein, seit er Präsident ist.

Am vergangenen Freitag protestieren in mehreren ägyptischen Städten Tausende Menschen gegen El-Sisi. Die Polizei ging mit Schlagstöcken und Tränengas gegen die Demonstranten vor. Während fünf Autostunden südöstlich Kairos der Abschluss des dritten Filmfestivals in El Gouna mit rotem Teppich und Champagner gefeiert wird.

Naguib Sawiris, Bruder von El-Gouna-Gründer Samih und wie jener einer der reichsten Männer der Welt, hat das Festival ins Leben gerufen. 2011 habe er als einer der ersten aus Ägyptens Wirtschaftselite Mubarak zum Rücktritt aufgefordert. Schon ein paar Jahre zuvor machte er sich bei religiösen Hardlinern unbeliebt, als er sich gegen das Tragen von Kopftüchern aussprach. Im Oktober 2015 verkündete er auf Twitter, er wolle eine Insel im Mittelmeer kaufen und dort einen eigenen Staat für Geflüchtete ausrufen.

An derlei großformatigen Visionen gemessen ist der Starauftrieb beim diesjährigen Filmfestival eher bescheiden. Im vergangenen Jahr war immerhin Sylvester Stallone als Ehrengast dabei, in diesem Jahr kam der Schauspieler Steven Seagal, der in den vergangenen zehn Jahren eher durch seine Nähe zu Wladimir Putin als durch Filmerfolge auf sich aufmerksam machte.

Das Programm des Festivals ist derweil durchaus anspruchsvoll. Den Preis für den besten Spielfilm bekam am Wochenende „You Will Die At Twenty“ von dem sudanesischen Regisseur Amjad Abu Alala, der schon in Venedig für das beste Debüt ausgezeichnet wurde. Humanity-Preis-Träger „Les Misérables“ von Ladj Ly aus Mali holte in diesem Jahr den Jury-Preis in Cannes und ist im Oktober zum Abschluss des 34. Unabhängigen Filmfests in Osnabrück zu sehen. „Papicha“ von der algerischen Regisseurin Mounia Medour erzählt eine Geschichte weiblicher Emanzipation. Und auch der deutsche Oscar-Anwärter „Systemsprenger“ steht auf dem Programm. Der Anspruch, Filmemacher der Region mit ihren Kollegen in aller Welt zu vernetzen, wird zudem unter anderem mit verschiedenen Workshops und Mentoring-Programmen unterstützt.

El Gouna soll ganz offensiv mehr sein als nur ein Geschäft. Es gibt neben Wohnungen für derzeit etwa 15 000 Anwohner 17 Hotels, die rund 4 000 Touristen Platz bieten. Es gibt aber auch eine Moschee und eine Kirche, eine Bibliothek – und sogar eine Universität, einen Ableger der Technischen Universität Berlin, wo Samih Sawiris einst selbst studiert hat. Energy Engineering, Urban Development und Water Engineering heißen die Studiengänge in El Gouna, Nachhaltigkeit im Sinn. Und an der TU in El Gouna finden während des Festivals auch Meisterklassen für die Filmemacher der arabischen Welt statt.

Und dann gibt es auch noch „Malaika“, ein Projekt, das Frauen zu einer Ausbildung verhelfen soll und zu einer Möglichkeit, sich selbst und ihre Familien zu ernähren. Im „Egyptian House“ in El Gouna gibt es eine Lehrwerkstatt mit Shop, wo die handgearbeiteten Decken und Kissen zu kaufen sind, die die Frauen in den verschiedenen Werkstätten in Kairo und anderswo herstellen. Ansonsten erinnert wenig daran, dass man sich immerhin in Afrika befindet. Außer vielleicht die schwer bewaffneten Wachposten bei der Einfahrt in die Urlaubsstadt. Oder die Polizeieskorte, die unseren kleinen Journalistentrupp vom Flughafen bis nach El Gouna begleitet, der auf Kosten des Orascom Hotels Managements angereist ist.

Ob sich wohl allzu viele Touristen für das Filmfestival interessieren? Der Preis und das Wetter könnten zumindest für deutsche Pauschalreisende eher ausschlaggebend sein: Im Internet gibt es gerade Angebote für eine Woche Urlaub in El Gouna für 250 Euro – inklusive Flug. Die Wahrheit ist wohl komplizierter: Ein großer Teil der Dauerbewohner und Besucher El Gounas kommt aus der arabischen Welt. Habiba, eine ägyptische Studentin, die Freunde besucht, die in El Gouna arbeiten, erzählt uns, sie finde gerade das Europäische an der Lagunenstadt toll: Abendkleid und Champagner, ein bisschen Weltläufigkeit. Was der „Arabische Frühling“ nun einmal auch in Ägypten nicht bewirken konnte, nämlich eine Modernisierung der Gesellschaft, realisiert sich auf eigentümliche Weise in El Gouna. Das Filmfestival trägt sein Teil dazu bei. Und schon bald dürfte es noch mehr Kultur in der Stadt geben. Derzeit wird rund um die Uhr an einem Kulturzentrum mit Konzertsaal für 800 Zuhörer gebaut, das 2020 eingeweiht werden soll.

Das Festival geht zu Ende wie solche Festivals auch im Rest der Welt zu Ende gehen: Mit einer Party, mit Champagner, Fingerfood, ausgefallenen Kleider und Musik. Eine Sängerin, die sich lediglich als „Suzy aus den USA“ vorstellt, singt ein paar Songs, danach kommt eine namenlose Band dran, zwischendurch lässt ein DJ eine Art Eurobeat vom Stapel, durchsetzt mit westlichen Pop-Songs, darunter auch „Wind Of Change“ von den Scorpions. Eine mehr oder weniger gut versteckte Botschaft – oder einfach nur so ein Lied, das jeder kennt? Vielleicht, wie vieles in El Gouna, ist es einfach beides.

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