Bauch statt Kopf: Familienausflug ins Pier 2 zu Mark Forster

Die neue Nettigkeit

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Eine Geste macht noch keinen Rapper: Mark Forster zelebriert in Bremen den netten Mann von nebenan.

Bremen - Von Ulla Heyne. Ist es schon Rap, wenn man die Beine im Takt hebt, als würde der Fuß sonst festkleben? Machen Bart, Hornbrille, Käppi schon einen Hipster? Gestisch eher im Rap, musikalisch eher im Pop angesiedelt, zog „Buvisoco“-Gewinner, Echo-Nominierter und überhaupt Aufsteiger der vergangenen Jahre Mark Forster am Sonntagabend vor allem eine Zielgruppe ins Pier 2: Die ganze Familie.

Und ein bisschen wie ein Kindergeburtstag nahm er sich dann auch aus, der Auftritt des Pfälzers im Hipster-Look: Die Bühne in bonbonfarbenes Licht getaucht, dazu Konfettikanonen, Partyspielchen wie Partnermassage des Nebensmanns, Sing-Along und sogar eine Schatzsuche fehlte nicht, mit dem Meister höchstpersönlich als Hauptgewinn im Publikum. Das lässt Forster durchs Megaphon einen seiner drei Hits anstimmen: „Flash mich“, flehen die Zuschauer in der Halle. Dieser Bitte kommt der Wahl-Berliner gern nach. Viel gehört ja nicht dazu: Eine weitgehend schlichte Melodieführung, durchsichtige Instrumentierung mit viel Gewummer, stadiontaugliche Hooklines für Fangesänge (nicht umsonst hat „Au Revoir“ den Nimbus einer der vielen inoffiziellen WM-Hymnen), dazu Zeilen mit Schlagerpotenzial wie „Von dir zu mir“ oder „So weit weg“ – so weit, so beliebig.

Es gibt wohltuende Ausnahmen vom Schwulst in diesen eineinhalb Stunden zwischen Taschenlampenapp-schwenkenden Jugendlichen und zu Herzen gebogenen Kinderfingern: Das leicht funkige „Du und ich“ ist so eine, das synthielastige „Bei dir“ oder der Sido-Song „Einer dieser Steine“, dessen Einsingen des Refrains Forster groß gemacht hat. Minimalistisch, nur mit Keyboard – eine Reduktion, die dem musikalischen Ausdruck gut tut. Das bestätigt sich auch im Zugabenteil bei „Oh Love“, mit dem Forster thematisch den Bogen schließt zum eingänglichen „Hey Liebe“.

Mark Forster im Pier 2

Nicht erst da steht fest: Kelvin Jones im Vorprogramm mit souliger Stimme, stark rhythmisierter Akustikgitarre und seinem Internet-Hit „Call You Home“ hatte musikalisch mehr Tiefgang.

Dafür eint der nette junge Mann von Nebenan – für die Rolle des Nachbarssohns ist er mit 31 dann doch zu alt – die Generationen: Die artigen Texte („Au revoir“ nimmt sich schon fast revoluzzerisch aus) sind ganz nach dem Geschmack von Müttern und Töchtern, ebenso wie der artige Dank ans „Orchesterchen“, die Grüße an die Mama vom Drummer – der kommt schließlich aus Bremen – oder die Anleitung zum aufgezeigten Glücklichsein durch Armschwenken: Wer die Harmonie spürt, zeigt das mit einer Geste des Arms nicht weit entfernt vom schulischen Leisefuchs, dem ein guter Teil der Fans kaum entwachsen scheint.

Letztere freuen sich gleich zu Anfang über einen neuen Song, bei dem die Ordner alle Hände voll zu tun haben, das allgegenwärtige Filmen per Handy zu unterbinden, ihre Altvorderen eher über ein Cover zu Ehren von Hildegard Knef, die in diesen Tagen 90 geworden wäre. „Die Hilde, die war ja eine Sau“, erklärt Forster pseudo-forsch, „die hat sich in den 50ern als Erste nackt vor der Filmkamera ausgezogen!“ Das Publikum kichert und applaudiert, ach so anrüchtig, das! Wie er so von „der Hilde“ erzählt – das hat Nähe, ganz, als hätte man sich gut gekannt, genauso wie er und das Bremer Publikum – alte Bekannte eben.

Zelebriert werden bei der Finaltour zum zweiten Album „Bauch und Kopf“, die ihn zum zweiten Mal ins Pier 2 führt und an deren Ende es insgesamt 200 Konzerte sein werden, vor allem die drei Hits; an Tiefe gewinnt Forster indes erst, wenn er reduziert an seine Ursprünge als Singer-Songwriter anknüpft. Seine Ode an die Freundschaft „Ich trink auf dich“ mit wunderschöner Dobro-Begleitung steht nicht nur thematisch in bester Tradition von Reinhard Meys „Gute Nacht Freunde“.

Was bleibt? Eine nette Sonntagabend-Unterhaltung – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und nach dem aktuellen Hit „Bauch und Kopf“, der ganz wie vor einigen Monaten beim Sieg im Bundesvision Song Contest einige hundert Meter weiter mit Feuerwerk und Konfetti zelebriert wird, ist es dann auch Zeit fürs‘ Bett. Schließlich ist morgen ja Schule.

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