Christina Pluhar und Ensemble in Bremen

Barock mit Sand und Muppet-Show

Kein falsches Pathos: Christina Pluhar überzeugt mit dem Ensemble „L‘Arpeggiata“ in der Glocke. ·
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Kein falsches Pathos: Christina Pluhar überzeugt mit dem Ensemble „L‘Arpeggiata“ in der Glocke.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Man denkt beim Anblick von Barockinstrumenten an höfische Gesellschaften in prächtigen Schlössern, an geistliche Gesänge in mittelalterlichen Kirchen. An Sonne, Sand und Meer denkt man eher nicht.

Die Lautenistin und Harfenistin Christina Pluhar zählt zu den bekanntesten Vertretern Alter Musik, hat Werke von barocken Meistern wie Claudio Monteverdi und Johann Hieronymus Kapsberger eingespielt. Am Mittwochabend war sie mit ihrem Ensemble „L‘Arpeggiata“ in der Bremer Glocke zu erleben. Titel ihres Programms: „Mediterraneo – Lieder und Instrumentalwerke aus dem Mittelmeerraum“.

Es geht um sizilianische Tänze, portugiesischen Fado und griechische Sehnsuchtslieder, alles ziemlich weit entfernt von der gewohnten Barockrezeption. Und so rauscht zu Beginn statt der filigranen Ausarbeitung eines Themas erst einmal eine saftige Mittelmeerwelle heran. Eine Ozeantrommel lässt in urlaubsseliger Gleichförmigkeit die See ans Ufer plätschern: fast schon kitschig, wie Barockgeige und Kornett diese Idylle um ein schmachtvolles Motiv bereichern.

Dieses „Fast schon“ lässt sich getrost streichen, als Sänger Vincenzo Capezzuto mit Sopranistin Nuria Rial an die Rampe tritt. Gemeinsam singen sie von Schwalben am Meer, von schönem Wetter, von Stränden und Wellen. Dann die dunkle Variante des mediterranen Flairs: die Schwermut des Fado, vorgetragen von Mísia, eine zutiefst elegische Meditation über die Liebe, den Schmerz, die Trauer.

Das alles müsste eigentlich in seiner überbordenden Gefühligkeit auf die Nerven fallen – tut es aber nicht. Grund dafür ist eine barocke Instrumentierung, die sich allein schon in ihrem Klangbild dem sonnigen Klischee widersetzt. Und dann die Interpretation selbst: So wunderbar schlicht, wie Pluhars Ensemble die schmelzvolle Melodik des traditionellen Liedguts ausspielt, so brillant nehmen sich die Phrasierungen der Solisten aus. Da ist kein falsches Pathos, kein billiger Effekt herauszuhören aus dieser so kitschgefährdeten Musik.

Indem die Musiker die von Tourismusbranche und Werbeindustrie vergiftete Hörgewohnheit aufbrechen, führen sie ihr Publikum bald tiefer hinein in die barocke Liedkultur des Mittelmeerraums: dorthin, wo märchenhafte Lyrik in verrätselte Harmonien mündet. Ein aufregendes Erleben weitgehend unbeachtet gebliebener Volksmusik. Dazu gehören ganz selbstverständlich wirkende Anklänge an Jazz und Blues: Cembalist Francesco Turrisi gibt in einer virtuosen Kadenz den Herbie Hancock des Barock, Boris Schmidt am Kontrabass bringt lässig das Intro zur Muppet-Show unter.

Vertreter der historisch informierten Aufführungspraxis waren in der Geschichte des Bremer Musikfests zahlreich vertreten. Und Genremix-Experten von kommerziellem Crossover bis zu wohldurchdachter Stilpluralität gibt es wie Sand am Meer. Christina Pluhar versteht es, das eine mit dem anderen zu verbinden und damit hinter dem vermeintlich Vertrauten völlig neue Ausdrucksformen zum Vorschein zu bringen. Eine spannende, lohnende Erfahrung.

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