Präzise Form und heiteres Spiel: Der Filmemacher John Smith in Bremen

Im Bann der Begriffe

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Zu sehen in der „Art Box“ der Bremer Landesbank: Still aus „The Kiss“ von John Smith.

Bremen - Von Rainer Beßling - Der Ausstellungsort ist nicht alltäglich. Der Besucher nimmt den Fahrstuhl und steigt in der sechsten Etage des Atlantic Grand Hotels Bremen aus.

Ein rotes Licht markiert das Ziel: Dieses Zimmer darf der Kunstfreund nun mit drei Gleichgesinnten zusammen für eineinhalb Stunden kostenlos beziehen. Geboten bekommt er neben gehobenem Wohnkomfort anspruchsvolle Filmkunst: die Werkserie „Hotel Diaries“ des Briten John Smith. Der Ausstellungsort folgt den Entstehungsplätzen der Filme. Von 2001 bis 2007 lässt Smith seine Kamera in Hotelzimmern sechs unterschiedlicher Länder laufen. Der Raum wird zum gefundenen Filmset. In den Fokus rücken Innenarchitektur, Möbel und Dekors. Im Filmbild entwickeln die Dinge der geschlossenen Hotelwelt teils metaphorischen Charakter. Zugleich finden sie Anschluss an das Weltgeschehen. Während die Kamera ein vergittertes Fenster, eine Zimmerdecke oder eine Schokolade fixiert, reflektiert Smith den „Krieg gegen den Terror“ in der Ära Bush und Blair.

Auslöser für die Reihe ist ein verstörendes Erlebnis Smith‘ in einem irischen Hotel im Oktober 2001. Das Fernsehbild im Hotelzimmer bleibt plötzlich stehen, die Ereignisse des 11. September sind auf erschreckende Weise präsent. Sollte der Terror Großbritannien erreicht haben, während die Bomben der westlichen „Antiterror-Front“ auf Afghanistan fallen?

Die „Hotel Diaries“ im Bremer Atlantic sind Teil eines Bremer Ausstellungsprojekts, das den 1952 in London geborenen Smith würdigt. Die Weserburg präsentiert fünf Arbeiten auf Monitoren und in Projektion, das City 46 Kommunalkino Bremen zeigt mit „The Black Tower“ und „Slow Glass“ eher narrative Streifen. In der „Art Box“ der Bremer Landesbank gibt es „The Kiss“ zu sehen. Das 17. Internationale Bremer Symposium zum Film „Was ist Kino? Auswählen, Aufführen, Erfahren“ kreist um Grundthemen im Schaffen von Smith. Morgen, 10.30 Uhr, findet eine Podiumsdiskussion mit Beteiligung des britischen Künstlers zum Thema „The Art of Projection: Moving Images in Cinema and Museum“ statt. Wesentlichen Anteil an den Smith-Wochen hat die Universität Bremen.

Einen „Künstler der Künstler“ nennt Weserburg-Kurator Ingo Clauß den Briten. Lange ein Geheimtipp, habe Smith in jüngster Zeit, nicht zuletzt durch seinen Auftritt auf der Berlin Biennale 2010, die Aufmerksamkeit auch jüngerer Ausstellungsmacher geweckt. Der Grund: Smith macht schon in den 1970er Jahren zum Thema, was bis heute als Stoff ästhetischer Debatten taugt: das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit, von Nähe und Distanz, Inszenierung und Dokumentation in bewegten Bildern, das Zusammenspiel von Ton und Bild sowie die Macht des Wortes bei der visuellen Wahrnehmung.

Als Smith-Klassiker gilt „The Girl Chewing Gum“ (1976). Die Kamera hält das Alltagsgeschehen in einer Londoner Straße fest. Eine Stimme aus dem Off scheint das Verhalten von Passanten, Vögel und sogar Autos zu dirigieren. Allmählich driften urbanes Treiben und Kommentar, Bild und Ton auseinander.

Die Wortbeiträge mutieren von Fakten zu Fiktionen. Dokumentation oder Inszenierung? Die Frage lässt sich kaum mehr beantworten. Klar ist, dass Bild und Kommentar gebaut sind. Wenn die Kamera von Zoom auf Weitwinkel stellt, erweist sich Nähe als technische Suggestion.

Was Smith‘ Werk neben den anhaltend aktuellen Themen attraktiv macht, ist sein Witz. Bei dem Briten verliert die Befragung der Struktur und des Konstruktionscharakters filmischer Kunst jeglichen seminaristischen Staub. Humor spricht aus den Brüchen zwischen Wirklichkeit und Inszenierung, aus dem Blick hinter Oberflächen des Alltags und das vermeintlich Vertraute.

In „Worst Case Scenario“ (2001-03) animiert der Künstler Fotografien vom Leben an einer Straßenkreuzung in Wien. Mal fließend bewegt, mal kräftig ruckelnd, mal laut, mal leise erschafft die Technik Erzählstränge, entfalten sich in der Entwicklung des Standbilds zur Sequenz aus Gesten kleine Geschichten. Selten wurde die Verführungskraft der Bildfolge unterhaltsamer erkennbar.

In „Associations“ gelingt es Smith sogar, einen linguistischen Essay zum Spiel des Assoziierens in eine Gedanken anregende und gleichermaßen abbildende visuelle Sprache zu übertragen. Wunderbar poetisch und zugleich hoch präzise macht sich der Künstler in dem Film „Lost Sound“ auf die Spur verlorener Klänge. Alte Kassettenbänder flattern an Zäunen, Bäumen, unter Steinen. Zuerst hört man Verkehrslärm, Vogelstimmen, Gespräche, dann kommt Musik hinzu. Macht der Künstler die Bänder wieder hörbar, begleitet die Musik deren Bewegungen? Führt der Zufall oder der Filmemacher hier Regie?

Für den Aufenthalt im Atlantic ist im übrigen eine Anmeldung erforderlich unter mail@weserburg.de.

John Smith. Weserburg, Bremen, bis 25. März.

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