Die Ballett-Inzenierung „Der Prozess“ kommt ohne zwingende Dramaturgie aus

Bloß nicht wehtun

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Nicht schön, aber auch nicht hässlich: Zumindest Formal hat die Choreographie an der hannoverschen Staatsoper einiges zu bieten.

Hannover - Von Jörg Worat. Ja, klar war’s irgendwie toll im Opernhaus, bei der Uraufführung von Mauro Bigonzettis Ballett „Der Prozess“, einem Auftragswerk der hannoverschen Staatsoper. Und wer ein Fan beeindruckend gebauter Bilder und einer hervorragenden Compagnie ist, wird wohl in den fast schon leicht hysterischen Jubel eingestimmt haben, der für hiesige Tanzveranstaltungen inzwischen typisch geworden ist. Nicht ganz so enthusiastisch dürfte allerdings die Reaktion derjenigen ausgefallen sein, die auch eine zwingende Dramaturgie schätzen. - Von Jörg Worat.

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“: Der Einstieg im Franz Kafkas Romanfragment gehört zu den bekanntesten Sätzen der deutschsprachigen Literatur. Der Grund für besagte Verhaftung wird im Verlauf der Geschichte nie offensichtlich, ebenso wenig bei Bigonzetti, der allerdings, wie sich alsbald herausstellt, gar nicht die Absicht hat, eine Geschichte zu erzählen. Er möchte vor allem ein imposantes Tableau aus Bildern und Klängen zeigen; die Handlung schnurrt bei ihm auf allerlei Szenen um einen Mann zusammen, der bedroht und schließlich umgebracht wird, ohne dass die Ereignisse einen echten Sog oder überhaupt eine ausgeprägte Verdichtung entwickeln würden.

Das Personal hat Bigonzetti kräftig ausgedünnt, mit dem „Newspaper Girl“, das schon vom Kostüm her seinem Namen gerecht wird, aber auch eine neue zentrale Figur eingeführt. Die junge Dame steht für die böse Presse, gegen deren Einflüsterungen sich niemand und schon gar nicht Josef K. wehren kann – das wirkt dann doch arg illustrativ und dürfte letztlich kaum den Intentionen Kafkas entsprochen haben. Folgerichtig wird K. hier am Ende nicht erstochen, sondern mit Zeitungspapier erstickt.

Formal hat diese Choreographie eine Menge zu bieten. Fast durchweg ist die Optik in Schwarzweiß gehalten, erst beim Auftritt des Malers kurz vor Schluss kommt mächtig Farbe ins Spiel. Carlo Cerri, zuständig für Bühne, Videokonzept und Lichtdesign, öffnet und schließt Räume, erzeugt bei Bedarf sogar die Illusion, sie zusammenstürzen zu lassen. Die Bewegungssprache hat zweifellos eine eigene Ästhetik, die zielsicher an glatt polierter Schönheit vorbeischrammt, aber auch das gar zu Hässliche vermeidet, selbst wenn auf dem armen K. schon mal gleichsam herumgetrampelt wird. Auffallend ist die große Musikalität des Balletts, das trefflich auf die Details der Klänge von Monteverdi über Mussorgski bis Górecki reagiert – die Tonspur kommt allerdings meist sehr elegisch daher und entwickelt mit der Zeit eine gewisse Penetranz. Es gibt auch einen Einschub mit Live-Perkussion auf Waschbrettern, der sich gewiss gut macht, wenn man die Sinnfrage mal beiseite lässt.

Natürlich tanzt Denis Piza, der männliche Star der hannoverschen Compagnie, den K., und natürlich räumt er dabei ab. Darstellerisch ist hier ohnehin viel Potential vorhanden: Steffi Waschina gibt ein sehr präsentes Newspaper Girl, Catherine Franco hat mit der Pflegerin die differenzierteste Figur erwischt und überzeugt einmal mehr ohne Abstriche, Cássia Lopes zeigt als Chefwäscherin den gewohnten Volldampf. Und so ist unter dem Strich die Bühne bereitet für eine gekonnt konstruierte und umgesetzte Revue über die Schlechtigkeit der Welt. Wen stört’s da schon, dass der Abend nie so richtig wehtun will.

Weitere Termine: 7., 15., 18. und 28. April, um 19.30 Uhr, Staatsoper Hannover.

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