Im Bremer Metropol-Theater

„Ballet Revolución“: Tanzen für die Republik

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Party in Havanna: Das Ensemble von „Ballet Revolución“ präsentiert in Bremen die perfekte, kubanische Illusion.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Sie gehören zu Kuba wie Fidel Castro, Rum und Cadillacs: die Tänzer von „Ballet Revolución“. Ausgebildet an den zwei besten Tanzschulen der Insel touren die Exportschlager der sozialistischen Republik bereits seit 2011 durch die Welt – als perfekte Werbeträger für ihre Heimat.

Am Freitag- und Samstagabend führte die 19 Tänzer ihre aktuelle Tournee ins Bremer Metropol-Theater. Vor so gut wie ausverkauftem Haus ist alles wie immer: Songs aus den Charts wechseln sich mit klassischen Latin-Rhythmen ab, während die jungen Männer und Frauen Ballett, zeitgenössischem Tanz und Street Dance miteinander verbinden. Die Musik kommt natürlich nicht aus der Konserve: Für die Untermalung dieser tänzerischen Höchstleistungen ist wie bereits bei den vorherigen Tourneen die fabelhafte, fünfköpfige Band zuständig. Sie sorgt für karibische Klänge, die, gepaart mit bisweilen knallbunten Kostümen (entworfen vom durch „Germanys Next Topmodel“ bekannten Hochglanzkubaner Jorge Gonzales), kubanisches Lebensgefühl vermittelt. Oder zumindest das, was die Zuschauer dafür halten sollen.

Während der Klang der Trompete von Thommy Garcia Rojas noch über den Rhythmen der Percussions nachhallt, fliegen die Tänzer einzeln, paarweise oder in der Gruppe über die Bühne, drehen Pirouetten auf der Spitze, schwingen lasziv die Hüften oder schleudern einander durch die Luft. Egal, ob sie an der Escuela Nacional de Arte mit ihrem Fachbereich für zeitgenössischen Tanz oder an der Escuela Nacional de Ballet für den klassischen Tanz ausgebildet wurden: Das Ensemble beherrscht alle Stile, scheinbar mühelos. Dabei fällt besonders die Körperspannung immer wieder ins Auge, die – so abgedroschen es auch klingt – bis in die Fingerspitzen reicht.

Passend zur aktuellen Tour befinden sich dieses Mal neuere Hits auf der Setlist, beispielsweise „Chandelier“ von Sia oder „Hello“ von Adele. Der Song der britischen Popikone ist der große Moment von Sängerin Janine Johnson, deren Stimme der emotionalen Tiefe des Liedes wunderbar Ausdruck verleiht. Ihr Gegenüber, Sänger Weston Foster, kann da leider nicht ganz mithalten, zumindest bei „Take me to church“ von Hozier nicht. Ein Lied, das dieser Tage im Radio rauf und runter läuft – trotzdem singt Foster beharrlich gegen das Tempo seiner Musiker an. Eine kleine Irritation, die angesichts des überzeugenden Gesamtpakets aber schnell vergessen ist.

Botschaften teilweise völlig neu interpretiert

Denn das Ensemble von „Ballet Revolución“ begnügt sich nicht nur damit, zu Liedern mit Wiedererkennungswert die Choreografien von Roclan Gonzalez Chavez und Aaron Cash abzuspulen. Die Tänzer interpretieren die Botschaft der Songs teilweise völlig neu. So auch bei „Hello“, zu dem sich ein Pärchen mit zwei Holzhockern über das letzte Zucken ihrer Beziehung hinweg arbeitet – hier ist es genau andersherum, sie heult nicht ihm hinterher. Überhaupt scheint die Truppe dieses Mal weitaus mehr mit zusätzlichen Utensilien zu arbeiten: Während es um die ganz großen Gefühle oder einfach nur die Suche nach der nächsten Party geht, kommen Stühle, eine Bank, Cajóns oder drei einfache Stangen zum Einsatz. Letztere bilden den Rahmen für eine Tänzerin, die zu ruhigen Klängen auf den von drei Männern gehaltenen Stäben hockt oder ganz locker einen Aufschwung hinlegt. Julio Enrique Blanes braucht solche Hilfe nicht, er gibt „Purple Rain“ von Prince zunächst ganz allein den nötigen Ausdruck. Mit nacktem Oberkörper springt er durch die Luft, dehnt sich fast schon katzengleich, bevor er in einer perfekt ausjustierten Standwaage verharrt.

Wer beim „Ballet Revolución“ dabei sein will, muss fit sein. Dieses Bild von Kuba zu transportieren verlangt vollen Einsatz. Eine Illusion, die völlig ohne eine Einschätzung zur Lage im Land daherkommt. Das ist aber auch nicht schlimm, schließlich weiß jeder von vornherein, dass diese Revolution sich nur auf den Tanz bezieht. Für alles andere muss man dann doch ins Flugzeug steigen.

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