Mickaël Phelippeau eröffnet in Hannover „Tanztheater International“

Bach für den Nachtclub

Irgendwo zwischen Konzert, Performance und Comedy: Mit „Chorus“ ist am Donnerstagabend das Festival „Tanztheater International“ gestartet. ·
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Irgendwo zwischen Konzert, Performance und Comedy: Mit „Chorus“ ist am Donnerstagabend das Festival „Tanztheater International“ gestartet. ·

Hannover - Von Jörg WoratDie 21 Damen und Herren auf der Bühne der Orangerie wissen, was musikalische Variationen sind. Wie sie da Johann Sebastian Bachs Kantate „Nicht so traurig, nicht so sehr“ in unterschiedlichen Geschwindigkeiten interpretieren oder als Kanon oder – Moment mal, soll dies nicht eigentlich der Auftakt zum Festival „Tanztheater International“ sein? Schon recht, aber vor Grenzüberschreitungen ist man hier noch nie zurückgeschreckt.

Und was das A-cappella-Ensemble „Voix Humaines“ im Stück „Chorus“ zeigt, hat eben doch eine Menge mit Bewegung zu tun.

Der französische Choreograph Mickaël Phelippeau ist mit den semiprofessionellen Sängerinnen und Sängern auf Entdeckungsreise rund um die besagte Kantate gegangen. Das Ergebnis lässt sich genremäßig nur schwer beschreiben, steht irgendwo zwischen Konzert, Performance und Comedy, wirkt hier eindringlich, da amüsant, dort auch mal eher albern. Dass der Chor durchaus einige fantastische Stimmen aufweist, tritt jedenfalls recht bald in den Hintergrund.

Die Szenenfolge hat mancherlei zu bieten, etwas eine Art Live-Playback, wenn die Damen am Bühnenrand singen, derweil die Herren im vollen Licht lediglich die Lippen bewegen. Interessant auch, wie sich der Gesang verändert, wenn die Mitglieder der Truppe Hand aneinander legen: Rütteln, Schütteln oder Kitzeln erweisen sich jedenfalls als abträglich für eine saubere Intonation – dafür klingt’s ziemlich lustig. Ebenso wie die Deutschstunde: Ein Muttersprachler gibt vor, einer französischen Kollegin mit zunehmender Ungeduld die richtige Aussprache des Liedtextes beizubringen. Und wenn der Chor die Publikumsreihen entlangwandert, die verschiedenen Stimmlagen am Besucher vorbeischweben lässt, ist das eine spannende Hörerfahrung.

Über das Solo einer Sängerin, die Bach von der Intonation her offenbar in einen Nachtclub transformieren will, mag man schon eher streiten: Das Überzogene dieser Nummer macht zwar gerade ihren Hauptreiz aus, driftet aber zwischendurch ins Reich der Penetranz ab. Die Video-Einspielung mit betont schlichten Bewegungsmustern aus dem engeren und weiteren Disco-Repertoire scheint noch entbehrlicher. Und wenn sich die Truppe singend zu einem Knäuel zusammenkuschelt, könnte man sich auch beim Volkshochschul-Kurs „Körpererfahrung“ wähnen. Schön wiederum die zurückhaltende Schlusssequenz, unter anderem mit dem Einsatz eines Miniatur-Harmoniums.

Ein Kritiker soll geschrieben haben, hier handele es sich um einen Abend, der „uns seine Flügel anbietet, auf denen wir entschweben können“. Das scheint einigermaßen gestrunzt – aber es hat gewiss schon wesentlich unsympathischere Festivaleröffnungen gegeben. Das Publikum reagierte, wie bei dieser Veranstaltungsreihe gewohnt, wohlwollend bis euphorisiert.

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