Wiederentdeckung eines Instrumentalvirtuosen: Neue Einspielung der Partiten erschienen / Barock ohne Frömmelei

Bach als Grenzerfahrung: Francesco Corti gibt Gas

Einfach bloß verständlich spielen: Francesco Corti setzt bei Bach auf Tempo.

Von Johannes BruggaierSYKE (Eig. Ber.) · Lange waren die Tongewitter der Achtziger-Jahre-Computerspiele nicht mehr zu hören gewesen, und nichts erschien abwegiger, als dass wir ihnen ausgerechnet in einer Einspielung von Partiten Johann Sebastian Bachs wiederbegegnen würden.

Tatsächlich offenbart Francesco Cortis Zugriff eine Mechanik, die stellenweise an digitale Klangstrukturen erinnert. Eine Wirkung, die zunächst freilich dem Cembalo an sich geschuldet ist: einem Instrument, das im Unterschied zum Klavier nur minimale dynamische Abstufungen zulässt. Hinzu kommt aber, dass Corti in seiner neuen Produktion auch alles andere als bedächtig zu Werke geht. Da rauscht in der Partita Nr. 3 schon mal eine „Fantasia“ vorbei wie ein D-Zug, und die Gigue der D-Dur-Partita Nr. 4 erreicht ihr Ziel in rekordverdächtigen dreieinhalb Minuten.

Bach in Höchstgeschwindigkeit, Barock als Grenzerfahrung? Eigentlich, sagt Corti, wolle er bloß verständlich spielen. Und anders, als viele Interpreten glauben, lasse sich diese Verständlichkeit eben nicht durch Entschleunigung erreichen. Im Gegenteil: Bei Bach seien die Melodiebögen erst im hohen Tempo zu erfassen. Recht hat er.

Bach war ein herausragender Virtuose seiner Zeit, ein Jazzer, dessen strenger Formalismus lediglich Ausdruck eines inneren Freiheitsbegehrens war. Vom Klerus erfolgreich für kirchliche Frömmelei vereinnahmt, wurde diese Facette in der Rezeption zusehends verschüttet zugunsten einer vermeintlich „ernsten“, biederen Intention.

Nichts weniger als die ganze Welt sollte sich in Bachs Musik spiegeln; eine Welt der göttlichen Ordnung zwar, aber auch der unendlichen Möglichkeiten. Geradezu prophetisch erscheint vor diesem Hintergrund die von Corti so überzeugend herausgearbeitete mechanische Komponente: wie ein früher Ausblick in die durchindustrialisierte und -medialisierte Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhunderts.

Und doch unterscheidet sich die Gesamtlänge von Cortis Aufnahme nicht wesentlich von den gängigen Referenzeinspielungen der vergangenen Jahre (etwa von Pieter-Jan Belder), was einigen durchaus fragwürdigen Entscheidungen geschuldet ist. Denn so energisch wie Corti das Tempo anzieht, so kompromisslos nimmt er es auch wieder heraus – und umgekehrt. Daraus ergibt sich etwa in der einleitenden „Sinfonia“ zur c-Moll-Partita Nr. 2 eine grenzwertige Getragenheit, die in der Hälfte des Satzes zu einer übertrieben ausgestellten Zäsur führt. Anschließend dann wieder verschärftes Tempo als Kontrastmittel. Mit dem behaupteten Bemühen um melodisches Verständnis passen solche Brüche nicht zusammen.

Man ist gleichwohl geneigt, derlei Effekthascherei (die sich auch in teils extrem lässigen Phrasierungen äußert) zu verzeihen. Ist doch Cortis Übermut lediglich Folge des Muts: seines Muts zur Wiederentdeckung des Instrumentalvirtuosen Johann Sebastian Bach.

Francesco Corti: „Partiten BWV 825-830“, Berlin Classics; zwei CDs; 24,99 Euro.

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