Experiment geglückt: Weihnachtsoratorium ohne Chor entpuppt sich als Klangsensation

Bach in Bücken

Altvertrautes einfach mal weggeräumt: Das Weihnachtsoratorium ohne Chor in Bücken. ·
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Altvertrautes einfach mal weggeräumt: Das Weihnachtsoratorium ohne Chor in Bücken. ·

Bücken - Von Ute Schalz-LaurenzeWenn man an Epiphanias ein Konzert mit den Teilen IV bis VI des Weihnachts-Oratoriums von Johann Sebastian Bach besucht, wird man in der Regel nicht überrascht.

Man kennt diese wunderbare Musik, das Niveau der Aufführung wird schwanken, nicht aber grundsätzlich unterschiedlich ausfallen. Nicht so bei der jetzigen Aufführung in der Stiftskirche in Bücken, als die Musicalische Compagney unter der Leitung von Holger Eichhorn das Werk so anders interpretierte, dass man von nahezu allen Hörgewohnheiten Abschied nehmen musste. Das war einmal das „Orchester“, dass es hier nicht gab – jede Stimme war nur einmal da, insgesamt 15. Das war aber vor allem der „Chor“, den es auch nicht gab, sondern vier Solisten, die alles sangen.

Eichhorn beruft sich dabei auf Bachs „Entwurff einer wohl bestallten Kirchen Music“ von 1730, in der von drei Sängern je Stimme die Rede ist. Der amerikanische Forscher Josua Rifkin hat schon 1982 die These vertreten, dass Bachs Kirchenmusik solistisch gesungen wurde. Denn drei Sänger pro Stimme bedeute keineswegs, dass auch drei gesungen haben, sondern dass drei zur Verfügung stehen sollten. Schließlich hätten die Musiker in Leipzig neben der Interpretation ihres Parts noch allerlei anderes zu tun gehabt. So jedenfalls sieht es Rifkin, dessen Forschungen im deutschen Konzertbetrieb (anders als in Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien) nicht nur keine nennenswerten Folgen hatten, sondern weiter angezweifelt wurden und werden. Und so sieht es auch Eichhorn, der jetzt ein sensationelles Ergebnis präsentieren konnte. Es war leicht, Erwartungshaltungen hinter sich zu lassen, denn die Aufführung in der ausverkauften Kirche zog von Anfang an in Bann.

Das gelang durch eine unbeschreiblich geschlossene Ausstrahlung des gesamten Ensmbles, da gab es kein einziges Hervortreten, gar Aufplustern virtuoser Stellen. Alles floss mit einer leicht atmenden Selbstverständlichkeit. Und das gelang durch eine radikale Transparenz der 20 Musiker bei gleichzeitigem Spitzenkönnen jedes einzelnen, stellvertretend seien hier der Geiger Daniel Hauptmann und der Oboist Georg Corall genannt, die die entsprechenden Arien fulminant begleiteten. Es war wunderbar zu hören, welche insistierende Präsenz die Klänge der alten Instrumente haben können. Erreicht wurde das durch Tempi, die vollkommen fließend und nie aufgesetzt waren. Aber auch durch die geradezu tänzerisch leichten Choräle und ungemein differenzierende Artikulationen, die immer wieder anders und neu wirkten.

Die vier Solisten fügten sich da bruchlos ein. Einem Knabensopran neben allem anderen die beiden großen Arien zu übergeben, ist kein Risiko, wenn man einen Sänger hat wie Leopold Lampelsdorfer vom Tölzer Knabenchor. Wie dieser Junge neben seiner ergreifend schönen Stimme bereits über gestalterische Souveränität verfügt, darum können ihn viele gestandene Sänger beneiden. Frederic Meylan bestach durch einen natürlich klingenden Alt, Jan Hübner durch flexiblen Tenor und Georg Lutz durch einen zuverlässigen Bass.

Ob das nun alles so stimmt mit der Bachschen Aufführungspraxis, ist überhaupt nicht die Frage. Wichtig ist nur, derart gut fundierten Klangergebnissen einmal zuzuhören, sie zuzulassen, Altvertrautes wegzuräumen und dann zu einer wissenderen Hörhaltung zu kommen. Dass die dann auch noch zu einem hochmusikalischen Erlebnis werden kann, ist nicht das Unwichtigste.

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